"Gesellschaft braucht Kirche als Instanz der Widerständigkeit"

Kardinal Schönborn weist in "profil"-Interview auf Gefahr hin, "sich konturlos jeder Modeströmung hinzugeben" - Kirchliche Sexualmoral stellt vor Gewissensfrage: "Wie gehe ich mit meiner Verantwortung um, auch für die nächste Generation?"

Wien, 12.1.09 (KAP) Die Gesellschaft braucht "Instanzen, die gegen den Mainstream widerständig sind", und zu diesen zählt laut Kardinal Christoph Schönborn die Kirche. In einem Interview für die jüngste Ausgabe des Nachrichtenmagazins "profil" sagt der Wiener Erzbischof und Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz, in einer Zeit, in der "so vieles diffus und dem Diktat des Relativismus unterworfen" sei, sei die katholische Kirche "auch etwas Widerständiges". Er "halte es für sehr viel gefährlicher, wenn man sich konturlos jeder Modeströmung hingibt", als in manchen Fragen eine der Mehrheitsmeinung widersprechende Haltung einzunehmen.

Auch die Caritas als wesentlicher Teil der Kirche sei "widerständig" und werde vielfach kritisiert, weil sie "beharrlich und lästig" auf Fragen der Gerechtigkeit und der Solidarität hinweise. "Viele unserer Kernanliegen sind provokant, weil man Dinge aus der Glaubensperspektive anders sieht als aus einer glaubensfernen Perspektive", so Kardinal Schönborn.

Der Erzbischof appellierte, die Menschen sollten Vorurteile gegenüber der Kirche überprüfen. Für ihn stehe das Gute, Schöne und Starke an der Kirche im Vordergrund, "ohne mir allerdings Illusionen zu machen, dass sie auch sehr menschliche Seiten hat". Er sei froh darüber, "dass die Kirche nicht eine Kirche der Vollkommenen ist, denn auf diese Weise habe auch ich einen Platz in ihr".

"Woran orientiere ich mein Gewissen?"

Konfrontiert mit Umfragedaten, wonach eine deutliche Mehrheit mehr Zurückhaltung der Kirche in Fragen der Sexualmoral wünscht, meinte Schönborn: "Jeder muss selbst entscheiden." Die Frage sei aber:
"Woran orientiere ich meine Gewissensentscheidung? Wie gehe ich mit meiner Verantwortung um, auch für die nächste Generation?" In Bezug auf die Entkoppelung von Sexualität und Lebensweitergabe würden die Bischöfe heute viele Dinge anders und "kritischer" sehen als vor 40 Jahren, als die Österreichische Bischofskonferenz in Reaktion auf die Papstenzyklika "Humanae vitae" die "Mariatroster Erklärung" veröffentlichte. Paul VI. habe damals bereits "prophetisch" die mit dieser Entkoppelung verbundenen Gefahren erkannt. Eine dieser Gefahren ist nach den Worten Schönborns die "dramatische demographische Entwicklung" in Europa.

Die Kirche wolle zum "Ja zum Leben" überzeugen. Angesichts der Frage, was das Leben wertvoll macht, seien "zweifellos Kinder ein ganz wesentliches Element". In Österreich sei die Kinderfreundlichkeit "entwicklungsbedürftig", merkte der Kardinal an. Er habe sich über eine vom Wiener Pastoraltheologen Prof. Paul Zulehner veröffentlichte Statistik gefreut, wonach Sonntagskirchgänger eine durchschnittliche Kinderzahl von 2,66 haben - "weit über dem, was notwendig ist, um den Bevölkerungsstand zu halten".

Zum Thema "Homo-Ehe" erklärte der Wiener Erzbischof, man solle dort nicht von Ehe reden, wo es nicht um eine Ehe geht. Er verstehe, dass auch homosexuelle Partnerschaften eine zivilrechtliche Absicherung verdienten, diese solle aber beim Notar und nicht beim Standesamt erfolgen, "dazu brauchen wir nicht die Symbolik einer sogenannten Homo-Ehe".

Naturwissenschaft stellt Glauben nicht in Frage

"Ich habe noch nie eine wissenschaftliche Entdeckung kennengelernt, die meinen Glauben vermindert hätte", unterstrich Kardinal Schönborn zum Verhältnis von Religion und Wissenschaft. Sein Staunen über die Natur und die Größe ihres Schöpfers habe im Gegenteil mit jeder Entdeckung zugenommen. Zu wissen, dass dieses "grandiose Werk" in Millionen und Milliarden Jahren entstanden sei, mache den Schöpfer nicht kleiner, "das hat ihn uns größer gemacht". Mit den Mitteln der Naturwissenschaft werde die Beschaffenheit der Materie immer genauer erforscht werden können, so Schönborn weiter. "Die Frage, woher das alles kommt, warum das alles da ist und wohin das Ganze führt - die wird mir die Naturwissenschaft nicht beantworten können. Das ist auch nicht ihre Aufgabe." Gott werde sich dem Naturwissenschaftler nur dort zeigen, "wo dieser selbst staunt und sich die Frage stellt: Was sagt mir das, was ist der Sinn meines Lebens? Das ist der Ort, wo dann die Gottesfrage auch zu einer Antwort werden kann."

Zum Teilchenbeschleuniger des CERN in Genf, mit dem der Urknall simuliert werden soll, um Genaueres über den Beginn des Universums zu erfahren, sagte Schönborn: "Die Frage bei so großen Experimenten ist, ob die Kosten verantwortbar sind angesichts der Probleme, die wir auf der Welt haben." Doch diese Frage sei angesichts hoher Rüstungsausgaben "noch viel berechtigter". Grundsätzlich merkte der Kardinal an: "Dass die menschliche Intelligenz das Bedürfnis hat herauszufinden, was die Welt im Innersten zusammenhält, das finde ich großartig!"

Auch wenn sich herausstellen sollte, dass es im All auch noch andere Formen intelligenten Lebens gibt, wäre dies für Schönborn kein Anlass zum Relativieren seiner Glaubensüberzeugungen. Dann wären "wir immer noch die wunderbar privilegierten Menschen, die über all das nachdenken können". Nach den Worten des Erzbischofs ist es "angebracht, auch die Intelligenz dessen anzuerkennen, der unsere Intelligenz geschaffen hat und der es uns ermöglicht, die Werke seiner Intelligenz in der Natur zu entziffern und immer tiefer in sie vorzudringen und immer mehr zu staunen und dafür dankbar zu sein, dass es diese Schöpfung gibt". (ende)
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