"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Gespenst des Antisemitismus" (Von Michael Sprenger)

Ausgabe vom 12. Jänner 2009

Innsbruck (OTS) - Der Krieg im Gaza und die internationale Wirtschaftskrise sorgen wieder für eine dramatische Zunahme des Antisemitismus.

Ein altes Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Antisemitismus. Der Judenhass hat wieder Konjunktur. Mit Beginn der weltweiten Finanzkrise sind sie wieder allerorten zu hören, die Vorurteile von "Juden und Geld", von "der jüdischen Weltordnung". Die Juden müssen wieder herhalten als Sündenböcke, weil geldgierige Spekulanten das Geld, welches ihnen nicht gehört hatte, verzockten, weil ein skrupelloses Finanzsystem aus den Fugen geraten ist. Auf der anderen Seite führt die brutale Militäroffensive Israels im Gazastreifen zu vermehrten Gewaltausbrüchen gegen Juden in europäischen Städten. Brandanschläge auf Synagogen, offen geschürter Hass gegen jüdische Mitbürger. Natürlich ist Kritik an der israelischen Politik erlaubt und notwendig. Doch die Grenzen zum Antisemitismus werden dann überschritten, wenn unzulässige Verallgemeinerungen angestellt werden. Die Kritik am Krieg im Gaza hat dann seine Berechtigung verloren, wenn man dem Staat Israel das Lebensrecht abspricht und es letzten Endes am liebsten sehen würde, wenn die Juden ins Meer getrieben werden. Geradezu dümmlich agierte in diesem Zusammenhang auch der vatikanische Kurienkardinal Martino, der glaubte, einen Vergleich zwischen den Lebensbedingungen im Gazastreifen und einem Konzentrationslager herstellen zu müssen. Die rechtsextreme Szene kann sich freuen. Ein Gespenst geht wieder um in Europa. Ein gefährliches Gespenst.

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