Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Muster mit und ohne Wert"

Ausgabe vom 9. Jänner 2009

Wien (OTS) - Für den Automobilsektor müssten ausreichend Forschungsmittel zur Verfügung stehen. Also sprach die Infrastrukturministerin. Und verstärkte damit den düsteren Verdacht, dass die so hoch gepriesene staatliche Forschung oft nur ein Zapfhahn für versteckte Subventionen ist. Wenn eine Branche in einer Absatzkrise steckt, dann müsse es Forschungsgelder geben. Punkt. Aus.

Schlagen wir uns endlich die Illusion aus dem Kopf, dass über die Forschungsförderung unabhängige Experten entscheiden; oder dass sie etwas mit der freien Kreativität der Wissenschaft zu tun habe; oder dass dabei mit unternehmerischem Risiko abgewogen würde, wo Forschungs- und Entwicklungsgelder die besten Ergebnisse erzielen könnten. Nein, die Politik entscheidet. Und hat ja längst bewiesen, wie viel sie von Forschung versteht...

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Nun ist es fix: Air France steigt bei der Alitalia ein; die Lufthansa legt zwar ein Konzept, aber kein seriöses Angebot vor. War das nicht bei einer anderen maroden Fluglinie auch so - nur mit umgekehrten Vorzeichen? Und hängt das vielleicht gar mit geheimen Absprachen zusammen, die Wettbewerb nur vortäuschen: Italien den Franzosen und Österreich den Deutschen. Irgendwie erinnert das an die Kongresse rund um die vorletzte Jahrhundertwende, als die Großmächte Afrika oder den Balkan einträchtig untereinander aufgeteilt haben.

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Auch in der Bankenwelt findet man Muster, die sich erstaunlich oft wiederholen: nämlich Aufsichtsräte, die vom Hauptgeschäft der Bank überhaupt nichts gewusst haben wollen. Ob das nun die Bawag, die Constantia-Bank oder die Bank Medici betrifft. Besonders wenig wissen die Aufseher offenbar dann, wenn ihre "Aufsicht" in Wahrheit eine politische Versorgung für sie selbst darstellt.

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Beklemmende Meldungen über Selbstmorde von Unternehmern mehren sich, die sich Fehlentscheidungen so zu Herzen genommen haben, dass sie ihre Ehre demoliert sahen. Der Freitod war aber zweifellos ihre größte Fehlentscheidung.

In einer Hinsicht ringt er aber auch Respekt ab. Nämlich als Kontrast zu jenen defizitlüsternen Politikern, freigiebigen Notenbankern und kurzsichtigen Wirtschaftsforschern, die keinerlei Gewissensbisse wegen Fehlern der letzten Jahre zeigen.

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