"Die Presse"-Leitartikel: Die Völkerwanderung darf nicht enden, von Rainer Nowak

Ausgabe vom 9. Jänner 2009

Wien (OTS) - Die Weltwirtschaftskrise wird die Migration bremsen, sagen die Experten. Ein guter Zeitpunkt, sie zu regeln.

Zumindest sie haben Hochkonjunktur: Untergangspropheten, Nostradamus-Apologeten und nicht zuletzt Zeitgenossen mit Hang zur sadomasochistischen Schadenfreude erquicken sich an den schlechten Nachrichten von der Wirtschaftsfront. Besonders beliebt beim schaurig-schönen Ausmalen der Apokalypse auf der Finanz-Titanic sind auch die sozialen Implikationen der Krise: Kriege würden entstehen, Demokratien wanken, und - natürlich - Heere von verarmten Bewohnern aus Zweite- und Dritte-Welt-Ländern würden sich auf den Weg in den sogenannten Westen begeben. Dort würden Hunderttausende die morsche Festung Europa stürmen und die Endzeitstimmung erst so richtig perfekt machen. Doch gerade diese These widerspricht allen - generell vorsichtigen - Aussagen der Experten für Migration und internationale Wanderung.
Ob Wolfgang Lutz, Demograf der Akademie der Wissenschaften, oder Heinz Fassmann, Migrationsforscher an der Universität Wien: Sie glauben, dass die Krise die weltweit zunehmenden Wanderungsströme wieder deutlich bremsen wird. Sie argumentieren dies schlüssig mit Angebot und Nachfrage: Da die Märkte in mehr oder weniger klassischen Einwanderungsländern einbrechen würden, die Zahl der Jobs abnehmen und die Arbeitslosigkeit steigen würde, blieben auch (legale und illegale) Einwanderer aus. Das lässt sich auch an zwei Ländern schon seit Monaten verfolgen: Aus Großbritannien zogen tausende osteuropäische Arbeitskräfte, vor allem polnische Handwerker, zurück in ihre Heimatländer. Ähnlich die Situation in den USA: Scharen von mexikanischen Bauarbeitern, die ihre Arbeitsplätze aufgrund der Immobilienkrise über Nacht verloren hatten, verließen etwa große Städte wie New York und kehrten zu ihren Familien zurück. Kurzfristig kann das in Lateinamerika wie in Osteuropa positive regionale Auswirkungen haben: Die Männer kehren mit Erspartem und Berufserfahrung heim und bringen für ihre Familien und Gemeinden kurz Hilfe; ohne wirtschaftlichen Aufschwung verpufft der Effekt jedoch schnell.

Selbst die illegale Wanderung könnte in der Krise deutlich zurückgehen, heißt es im österreichischen Innenministerium:
Schlepperorganisationen könnten wie legalen Unternehmen schlicht die Kunden abhanden kommen, die sich die Fahrten nicht mehr leisten könnten, so die fast zynisch klingende Überlegung.
Also ist die Krise doch für etwas gut, könnten sich mehr oder weniger xenophobe Arbeitsplatz- und Heimatschützer denken.
Nicht ganz: Denn genau genommen wäre die Krise der ideale Zeitpunkt, das sensible Thema Migration endgültig für die Zukunft zu klären und auf neue Beine zu stellen. Das wäre einmal ein notwendiges Bekenntnis zum de facto vorhandenen Status quo in der österreichischen Wirtschaft: Das Land und eben auch der Arbeitsmarkt brauchen ausländische Arbeitskräfte. Das sagen nicht die verträumten Ute-Bock-Freunde aus dem multikulturellen Streichelzoo, sondern die nackten Zahlen. In wenigen Jahrzehnten wird die Überalterung unserer Gesellschaft zum existenziellen Problem für das Land, schon heute fehlen in vielen Bereichen Arbeitskräfte. (Dagegen hilft allerdings nicht nur gezielte Zuwanderung, sondern auch eine punktgenaue Ausbildungspolitik.)

Dass die EU-Freizügigkeit der Arbeitnehmer dank sozialpartnerschaftlicher Igelabwehr bisher einen Bogen um Österreich macht, bleibt nach wie vor schizophren bis dümmlich, zeigt Großbritannien: Im Arbeitsmarkt eines Landes mit offener Einwanderung nehmen in der Krise die Ausländer nicht Jobs weg, sondern ziehen wieder ab. Die Wirtschaftskammer wird nicht müde zu betonen, dass dank Quoten gewisse Branchen mit eklatantem Arbeitskräftemangel versorgt werden würden. Doch Österreich wird nicht nur die berühmten Facharbeiter brauchen. Auch hierzulande wird - hoffentlich - die Zahl der niedrig qualifizierten Arbeiter mit geringem Einkommen mittel-und langfristig schneller abnehmen, als der Bedarf der Wirtschaft nach ihnen zurückgeht. Auch da wird es mehr an Einwanderung bedürfen. Dann wäre da noch die Sache mit den Schlüsselarbeitskräften: Laut gängiger österreichischer Einschätzung können wir uns vor indischen IT-Universitätsprofessoren mit friedlichem Religionshintergrund, die die hohe Lebensqualität des hübschen Almenlandes so schätzen, kaum retten. In Wahrheit entschieden sich junge, gut ausgebildete Spezialisten bis vor Kurzem für London. Dorthin werden sie in den kommenden Monaten nicht wollen. Eine gute Zeit für Österreich, um sie zu werben. Antizyklisch.

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