WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Atomkraft? Ja, wohl oder übel - von Michael Laczynski

Denn die Abhängigkeit von Öl und Gas ist noch gefährlicher

Wien (OTS) - In einer idealen Welt wäre die obige Überlegung nicht notwendig. In einer idealen Welt würden sich nämlich Russland und die Ukraine gut vertragen und nicht alle Jahre wieder Pipeline-Monopoly auf Kosten ihrer frierenden Kundschaft spielen. Ein preisdiktierendes Erdölkartell gebe es ebenso wenig wie den Klimawandel, die Chinesen könnten ihre Kraftwerke allesamt mit Bio-Abfällen befeuern und die Automobilhersteller effiziente Elektroflitzer produzieren, die ihrerseits nur sauberen Strom aus den Steckdosen saugen würden. Moderne Kohlekraftwerke mit Null-Emission würden für umweltschonende Energie sorgen, flankiert von großflächigen Windparks und Solaranlagen. In so einer Welt gebe es keinen Platz für die Kernkraft.

Doch leider ist die Welt, in der wir leben, nicht ideal. Die Crux mit dem Elektroauto ist die Batterie, die derzeit für einen durchschnittlichen Pkw rund 7000 Euro kostet, bei einer Reichweite von 100 bis 150 Kilometer. An der sogenannten "sauberen Kohle" wird schon seit längerer Zeit gearbeitet, die vorhandene Technologie ist teuer und kann nur an geologisch günstigen Orten eingesetzt werden. Für die chinesische Führung, die mit aller Gewalt die industrielle Modernisierung des Landes vorantreibt, kommt sie schon alleine aus Kostengründen nicht in Frage. Alternative Energiequellen wie Solar-oder Windkraft können derzeit (noch) nicht konstant Strom generieren, wie es die Industrie benötigt. Und auch die Tatsache, dass die größten Öl- und Gasvorräte von autoritären Regimes kontrolliert werden, lässt sich nicht ändern.

Was also tun? Zunächst einmal gilt es, den Verbrauch zu reduzieren. Das Potenzial ist enorm, angefangen bei besserer Wärmedämmung, über effizientere Motoren, bis hin zu sparsamen Glühbirnen. Dann muss die Entwicklung sauberer Energiequellen forciert werden. Wer aber den CO2-Ausstoß der Umwelt zuliebe senken und gleichzeitig die Abhängigkeit von Russland und Co. verringern will, kommt an der Kernkraft nicht vorbei.

Zugegeben: Ein AKW ist potenziell hochgefährlich und produziert strahlenden Abfall, der bis zum Sankt- Nimmerleins-Tag gebunkert werden muss. Doch im Gegenzug wird die Luft nicht verpestet. Und die Reaktoren der neuen Generation, wie sie derzeit etwa in Frankreich entwickelt werden, versprechen deutlich weniger radioaktiven Müll. Die optimale Lösung sind sie sicherlich nicht. Doch wir leben auch nicht in der besten aller Welten.

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