"Kleine Zeitung" Kommentar: "Russlands Gas ist das Symbol für die verfehlte Energiepolitik" (von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 8.1.2009

Graz (OTS) - Es muss zuerst etwas passieren, bevor etwas passiert. Dieser Kalauer bestätigt sich in der aktuellen Krise rund um das Russland-Gas. Denn im Grunde hätten wir nicht unbedingt einen russischen Lieferstopp benötigt, um zu erkennen, dass wir energiepolitisch in der Sackgasse sitzen.

Wir wissen seit langem, dass es so wie bisher nicht weiter gehen kann: Öl und Gas sind erstens zur Neige gehende Vorräte, deren geballter Verbrauch zweitens die Lebensgrundlagen zerstört. (Das hat die einschlägige Lobby zwar geleugnet, so lange es ging. Aber mittlerweile geht es nicht mehr.)

Drittens liegen sowohl die Öl- als auch die Gasvorräte in politisch instabilen Erdregionen. Das bedeutet, dass wir unser Geld überwiegend zu Diktatoren und autoritären Kriegstreibern tragen, wenn wir mit Gas heizen oder mit Benzin Auto fahren. Im gelindesten Fall finanzieren wir damit den obszönen Luxus der Marke Dubai. Gerade beim Gas besteht hier kein Zweifel: Nach dem mit Abstand größten Lieferanten Russland liegen die größten Reserven im Iran, im Emirat Katar sowie in Nigeria, Algerien, Ägypten und Libyen.

All diese Umstände haben uns bisher aber nicht daran gehindert, uns immer tiefer in die Importabhängigkeit zu begeben, weil die Eigenproduktion der EU-Staaten sinkt und der Energiehunger immer größer wird. Die Politik predigt zwar seit langem den Ausstieg aus der fossilen Welt und redet gerne von erneuerbarer Energie. Die Taten der Energiekonzerne sprechen aber eine andere Sprache. Überall in Österreich sind neue Gaskraftwerke in Planung. Und die energieintensive Industrie setzt im Zweifel dann halt auch lieber auf bewährte Gasturbinen als auf Hackschnitzel-Feuerung. Womit wir bei den Ursachen der Misere sind: Fossile Energie ist trotz allem noch immer billig, gewinnträchtig, sicher und bequem. Man kann damit Geld machen, weil der Umweltverbrauch nicht in der Bilanz aufscheint, so lange die CO2-Zertifikate verschenkt oder billig verschleudert werden. Und das war ja bisher die Essenz dessen, was man hierzulande Wirtschaftspolitik nennt.

Schlagartig anders sieht die Sache aus, wenn man die bis dato sicher scheinende Verfügbarkeit von Öl/Gas in Frage stellen muss. Jetzt schlägt wieder die Stunde der Alternativenergie-Konzepte und der Umstiegs-Appelle. Vielleicht raffen sich Politik und Wirtschaft endlich dazu auf, neben papierenen Bekenntnissen auch Taten zu setzen. Dann hätte der Schock von Moskau mehr gebracht als nur ein paar schlaflose Nächte für ohnehin geplagte Gas-Konsumenten.****

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