"Kleine Zeitung" Kommentar: "Mit dem sinkenden Gasdruck heizt Russland auch der EU ein" (von Manfred Neuper)

Ausgabe vom 07.01.2009

Graz (OTS) - Die sprichwörtliche russische Kälte dominiert Europa. Die Temperaturen setzen sich im zweistelligen Minus-Bereich fest. Und genau in dieser Zeit kappt Russland die Gaslieferungen in den Westen. Kalt erwischt könnte man da sagen. Den tagelangen Beschwichtigungen zum Trotz ist der Gas-Streit zwischen Russland und der Ukraine nun auch in Österreich angekommen. Von einem Gas-Streit kann daher auch keine Rede mehr sein, die Entwicklungen firmieren jetzt unter dem Etikett "Gas-Krise". Daher ist es an der Zeit, mit einer Illusion aufzuräumen: Es war nie "nur" ein Disput zweier ehemals vereinter Nachbarländer, der sich aus dem steinigen politischen Abnabelungsprozess der Ukraine von Russland ableitet.

Wenn sich der für Europa wichtigste Gaslieferant mit dem für Europa wichtigsten Gastransitland streitet, geht das natürlich auch Europa an. Umso überraschender war das geradezu lethargische Verhalten der Europäischen Union, die die Auseinandersetzung in die bilaterale Schublade stecken wollte.

Auch wenn, zumindest hierzulande, aufgrund gut gefüllter Gasspeicher noch kein Grund zur Panik besteht, die aktuelle Situation zeigt wieder einmal, dass wir Russland in Sachen Gasversorgung auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Daher ist das in letzten Tagen zelebrierte Motto "Die machen sich das schon untereinander aus" unangebracht. Vor allem deshalb, weil osteuropäische EU-Mitgliedsstaaten schon seit Sonntag mit teils massiven Lieferkürzungen leben müssen. Länder, die vielfach nicht über den Luxus der eisernen Gasreserve verfügen. Die gedrosselten Lieferungen schlagen sich dort direkt auf die Versorgung, also in den Wohnzimmern der Bevölkerung, nieder. Für Russland ist diese Entwicklung mehr als ein netter Nebeneffekt. In Zeiten sinkender Gaspreise, tut es dem Kreml gut, die energiepolitischen Machtverhältnisse zurecht zu rücken.

Klar ist aber auch, dass Russland von der Wirtschaftskrise besonders hart getroffen wird. Allzu lange sollte der Lieferboykott also nicht andauern, weil das Land die Einnahmen aus den Gasexporten dringender denn je braucht.

Doch Energiefragen sind Existenzfragen und daher langfristig zu sehen. Für die EU muss die derzeitige Eskalation mehr als ein Fingerzeig sein. Der Bau alternativer Pipelines sollte endlich ernsthaft in Angriff genommen werden. Zudem müssen Debatten über die Energiewende aus ihrem akademisch-romantischen Umfeld gehoben und endgültig auf der politischen Agenda verankert werden.****

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