Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Das Gas abdrehen"

Ausgabe vom 7. Jänner 2009

Wien (OTS) - Zur Finanzkrise haben wir jetzt auch noch einen neuen Nahostkrieg und einen weitgehenden Stopp der russischen Gaslieferungen. Beides beweist: Lange unter den Teppich gekehrte Probleme kommen mit Sicherheit von dort wieder einmal hervor. Und zwar meist zum blödesten Zeitpunkt. Wie etwa die Gas-Krise am Höhepunkt einer europäischen Kältewelle, auch wenn vieles dafür spricht, dass Russland bald wieder liefern wird. Vorerst. Denn das Risiko bleibt und wächst - wie die Fehler unserer Energiepolitik.

Die begannen schon zu Zeiten der Sowjetunion. Da wurde als "Kalter Krieger" getadelt, wer vor einer zu großen Abhängigkeit der Wärmeversorgung von einem einzigen, noch dazu durch keinerlei Rechtsstaatlichkeit geprägten Lieferanten warnte. Dass heute zwei miteinander verfeindete Erben der Sowjets - Russland und die Ukraine - im Spiel sind, macht die Sache nicht einfacher. Seit in Moskau das System Putin herrscht, ist diese Abhängigkeit sogar noch gefährlicher als zur Zeit der KPdSU. Denn Putin hat seinem Land in den letzten Jahren einen Wohlstand vorgespiegelt, der in Wahrheit nicht durch Leistung, sondern nur durch hohe Rohstoffpreise getragen war. Die sinken nun alle rapide, weil einander die Exporteure weltweit unterbieten. Nur beim Gas kann man infolge der geringen Vernetzung der Versorgungsstränge winterliche Abhängigkeiten ausnutzen. Was Putin nun prompt versucht. Er tut alles, um seine Kassen wieder zu füllen. Denn er will überleben.

Dem steht eine derzeit peinlich schwache EU gegenüber, deren Führung soeben tschechische Anfänger ohne parlamentarische Mehrheit übernommen haben. Nun rächt es sich, dass der neue Vertrag noch nicht in Kraft ist, der von Populisten zwischen Irland und der Muthgasse (samt ihren parteipolitischen Helfershelfern) bekämpft wird.

Es rächt sich aber auch, dass Österreichs Bundesländer Steuergeld noch immer lieber zum (wählerbringenden) Verhütteln statt für energiesparende Sanierungen nutzen. Am meisten wird Österreichs Energiepolitik langfristig jedoch durch den Verzicht auf Atomstrom beschädigt. Und dass Sonne und Wind (abgesehen von den gigantischen Kosten) ein Ersatz wären, kann Eva Glawischnig bestenfalls noch ihrem Sohn erzählen. Bis auch der erkennt, dass wir etwa bei trübem Winterwetter wochenlang in dunkler Kälte sitzen würden.

http://www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
redaktion@wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR0001