Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Israels viele Fragezeichen"

Ausgabe vom 30. Dezember 2008

Wien (OTS) - Auf der politischen Rechten wie Linken (also insbesondere auch im ORF) hat man eine klare Antwort: Israel ist allein und an allem Bösen schuld, was da derzeit wieder im Nahen Osten passiert. Wer die Dinge tiefer und differenzierter zu analysieren versucht, der tut sich lange nicht so leicht.

Denn: Welches Land kann es sich ernstlich gefallen lassen, wenn seine Bürger seit Jahr und Tag ständig durch unberechenbare Raketen bedroht und getötet werden? Umgekehrt: War es hinnehmbar, dass Israel die Menschen im Gaza-Streifen durch einen umfassenden Würgegriff wirtschaftlich stranguliert? Umgekehrt: War nicht diese Wirtschaftsblockade das im Vergleich zu Militäraktionen gelindere Mittel gegen die Bedrohung aus Gaza? Umgekehrt: Warum hat Israel den demokratischen Wahlsieg der Hamas nicht hingenommen? Wieder umgekehrt gefragt: Kann man vom jüdischen Staat - mit oder ohne Rückblick auf das Jahr 1933 - ernsthaft erwarten, eine Gruppierung als legitime Staatsführung zu akzeptieren, welche die Existenz Israels in keiner Weise hinzunehmen bereit ist? Erneut die Seiten gewechselt: Hätte nicht Israel als der militärisch weit mächtigere und von den USA unterstützte Konfliktpartner als Erster die Hand zur Versöhnung reichen sollen? Jedoch: Kann sich Israel auf Grund seiner Größe auch nur ein einziges Appeasement zu viel leisten, ohne gleich ganz unterzugehen? Allerdings: Wäre nicht ein Verzicht auf die israelischen Siedlungen in den besetzten Gebieten der beste und sicherste Weg zum Frieden gewesen? Und (nur aus Platzgründen) ein letztes Mal den Standpunkt gewechselt: Zeigt aber nicht gerade der Gaza-Streifen, dass ein solcher Schritt von den - insbesondere durch radikale Fundamentalisten und den Iran - aufgepeitschten Arabern nur als Schwächezeichen und als Ermutigung zu neuen Provokationen gewertet wird?

Genauso spannend ist aber auch die Frage, warum Israel im Gegensatz zu den Kriegen 1967 und 1973 heute so wenig internationale Sympathien findet, beispielsweise in Österreich. Liegt ein Teil der Antwort vielleicht in dem politisch radikal nach links gedrehten Kurs der einst (auch unter dem Einfluss eines Simon Wiesenthal) eher bürgerlichen Kultusgemeinde, obwohl auf der prinzipiell immer antiamerikanischen Linken keinerlei Freunde für Israel zu holen sind?

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