DER STANDARD-KOMMENTAR "Wer Pech hat, hat auch keine Chance" von Conrad Seidl

Der Einkommensbericht zeigt: Am unteren Ende der Gehälterskala wird es hart - Ausgabe vom 30.12.2008

Wien (OTS) - Es gehört zur Logik einer wettbewerbsorientierten Gesellschaft, dass man bei Einkommensstatistiken zunächst einmal sich selbst sucht. Also, bitte: Wer einen halbwegs sicheren Job hat, kann mit ziemlicher Ruhe auf das vom Rechnungshof errechnete Medianeinkommen schauen. Wer halbwegs qualifiziert und halbwegs sicher beschäftigt ist, hat eine ganz gute Chance, in jener Hälfte der Einkommensbezieher zu landen, die mehr als das Medianeinkommen verdienen.
Dieses liegt bei 23.618 Euro im Jahr - und da sind die Lehrlinge schon herausgerechnet.
Das heißt: Jeder zweite Einkommensbezieher muss mit weniger als 23.618 Euro auskommen, oft mit erheblich weniger. Jede zweite als Reinigungskraft in einem Büro oder Hotelbetrieb hat nach einem Jahr wenig befriedigender Arbeit, bei der man wohl auch noch herumgeschubst und herumkommandiert wird, nicht mehr als 11.837 Euro verdient - wovon noch die Sozialversicherungsbeiträge abgezogen werden.
Man fragt sich unwillkürlich: Wie soll sich das ausgehen? Für 195.000 Personen - vor allem Frauen, auch das belegt die Statistik des Rechnungshofs - muss es sich ausgehen, irgendwie.
Und man schielt nach oben: Wie angenehm haben es doch die, die eine interessante und anerkannte Tätigkeit - etwa als Ingenieur bei einem Stromversorger - ausüben und dabei auf ein hohes Einkommen kommen? Bitte schön: Man kann sich nicht alles aussuchen, aber ein bisschen Selbstverantwortung spielt immer mit. Wer einem Beamten neidet, dass er gerade jetzt in der heraufdämmernden Krise einen sicheren Job hat, bei dem die Einkommensentwicklung auf Jahre hinaus sicher nach oben weisen wird, der hätte sich eben rechtzeitig überlegen können, den in besseren Jahren wenig verlockenden Karrierepfad im öffentlichen Dienst zu wählen.
Und wer das Pech hat, am unteren Ende der Skala eingestuft zu sein und sich mit Hilfsarbeiten mühevoll über Wasser halten zu müssen, hat eben nicht nur Pech - sondern meist auch ein massives Ausbildungsdefizit: Es stimmt schon, dass höhere Bildung eine größere Chance auf höhere Einkommen eröffnet.
Wobei Chance nicht gleich Garantie ist. Es gibt Akademiker, die Taxi lenken müssen, weil es für ihre Qualifikation nicht den entsprechenden oder gar entsprechend bezahlten Arbeitsplatz gibt. Aber wer gar keine Qualifikation aufweist, braucht sich auf einen der besseren Jobs keine Hoffnung zu machen.
Da hilft auch nicht, was vielfach vermutet wird: Man könne es sich mit den richtigen Freunden und dem richtigen Parteibuch "richten" -dieser Weg steht allenfalls jenen offen, die unter gleich qualifizierten Bewerbern vorgezogen werden. Das ist schon bitter genug: Denn den Weg zu höherer Qualifikation schlagen immer mehr Menschen ein - zum Schrecken vieler Machos schlagen ihn auch immer mehr Frauen ein. Das bedeutet mehr Konkurrenz unter immer besser geeigneten Mitbewerbern. Unternehmer, aber auch die Personalchefs im öffentlichen Dienst, können heute wählen.
Andererseits gibt es eine wachsende Gruppe, die keine Chance hat, sich irgendwie hinaufzuarbeiten: Junge, in der Pubertät schlecht motivierte Burschen (oft, aber nicht immer, mit Migrationshintergrund) fallen zurück - was sie an Bildung versäumen, können sie kaum je wieder aufholen.
Und sie kommen in Beschäftigungsbereiche, in denen eine Karriere kaum möglich ist: Hilfsarbeiter haben gegenüber besser qualifizierten Kollegen und Kolleginnen kaum Aufstiegschancen. Dazu kommt: Sie fallen mit ihren Einkommen auch noch tendenziell zurück. Ihnen kann nur noch ein staatlicher Zuschuss helfen - keine sehr angenehme Perspektive.

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