"Die Presse"-Leitartikel: "Die Nervensägen des Jahres 2008 (und 2009)", von Martina Salomon

Ausgabe vom 30. Dezember 2008

Wien (OTS) - Die Banken haben einen Stockerlplatz verdient, auf
den sie nicht stolz sein können. Ein subjektives Ranking.

Was nervte 2008? Eine Menge. Auf dem "Siegerstockerl" dieses Rankings stehen fraglos jene Bankmanager, die so komplizierte Finanzprodukte erfanden, dass irgendwann niemand mehr durchblickte. Dafür kassierten sie skandalös fette Jahresgehälter und Boni - auch dann noch, als das Geld der Kunden futsch war. Aber wenn Geschäftsführer zum Beispiel für Arbeitszeitüberschreitungen in ihren Firmen haften, warum haften dann eigentlich nicht Bankdirektoren inklusive ihrer Aufsichtsräte für die Vernichtung von Abermilliarden von Kundengeldern? Wer braucht Rating-Agenturen und internationale Bankenaufsichten, wenn diese so kläglich versagen? Und wer nimmt noch Wirtschaftsforscher ernst, die ihre Prognosen alle paar Tage so stark "anpassen" müssen, dass Wahrsager(innen) mit Kristallkugeln nicht unseriöser wirken könnten? Nicht neu im Jahr 2008, aber noch immer nervend: die mangelnde Kundenorientierung von Firmen. Leider müssen da schon wieder die Banken erwähnt werden. In den letzten Jahren fand das größte Kundenvertreibungsprogramm aller Zeiten statt. Zuerst verschwanden die Schalterbeamten, dann durfte man nur mehr ein leeres Foyer besuchen, zuletzt sperrte die ganze Filiale zu. Trotz weiterhin unverschämt hoher Kontospesen erledigt nun der Kunde selbst die Arbeit des einstigen Bankmitarbeiters, der dafür, kaum 50 Jahre alt, mit "Golden Handshake" in der Innenstadt spazieren geht. Dafür investieren Banken Sparergeld in Marketinggags, um vertriebene Kunden zurückzuholen.
Wer aber von seiner Bank null objektive Beratung erhielt, lief in die Arme provisionsgetriebener "Anlageberater". Sie empfahlen, woran sie am meisten verdienten, ließen tausende Kunden in unverantwortlicher Weise auf nur ein Produkt setzen und verzockten damit deren Geld. Verantwortlich? Wie immer niemand.

Sieger in der Kategorie "Dauernervensägen": Computerhersteller inklusive Handyfirmen, die Geräte grundsätzlich so herstellen, dass kein neuer Teil zum alten passt. Warum hat das Handy der nächsten Generation plötzlich ein neues Aufladekabel, obwohl in jedem mittleren Haushalt vier vom alten herumliegen? Warum sind PCs noch immer so kompliziert, dass man Heerscharen von Betreuern bräuchte, die es aber - siehe Kapitel Dienstleistung - leider nicht gibt?
Von Jahr zu Jahr nerviger: Kundenkarten. "Haben Sie schon eine?" wird so lange gefragt, bis man schwach wird und die Brieftasche wieder um eine dicker geworden ist.
Platz eins in der Kategorie "Neue Nervensägen" sind die Krisengewinnler. Das sind einerseits die Reverstaatlichungsjünger, die die Wirtschaftskrise für ihre ideologischen Zwecke missbrauchen, wozu übrigens auch ein Teil der neuen Regierung zählt. Auf den Markt könnt ihr euch nicht verlassen, flüstern sie, vertraut euch ganz dem Staat an, wir sorgen für euch. Die Rechnung bekommt der Mittelstand präsentiert, der weiterhin zu hohe Steuern zahlt. Die Rechnung werden aber auch die Jungen zahlen, weil zum Beispiel staatliche Pensionsversprechen in Zukunft nicht mehr halten werden.
Umgekehrt fallen aber auch jene Firmen in diese Kategorie, die die Krise benutzen, um die Arbeitsbedingungen ihrer Mitarbeiter nachhaltig zu verschlechtern. Dieselben Geschäftsführungen werden die nächsten Jahre an den überdurchschnittlichen Gewinnen messen, die sie 2007 und auch noch 2008 erzielt haben, und so tun, als gäbe es Garantie auf ewiges Wachstum.

In der Kategorie "Politische Nervensägen" stören am meisten die vielen hohlen Stehsätze. Ja, die Volksvertreter stehen enorm unter Druck, aber kann die Antwort darauf nur graues Mittelmaß mit weichgespülten Reden, antrainiert von Mediencoaches, sein? In dieser Kategorie nerven aber auch selbst ernannte Datenschützer, die umgekehrt nichts dabei finden, gestohlene E-Mails großflächig unters Volk zu bringen. Und es nerven jene professionellen Gutmenschen (Politiker, Anwälte, Pfarrer), die - siehe Arigona Zogaj - Familien zerstören, weil sie ihnen Hoffnung auf Gnade statt Recht machen. Natürlich führt das zu Unrecht: Soll, wer hübsch traurig schauen kann und Profihilfe hat, trotz rasch erfolgten negativen Bescheids dableiben dürfen, andere aber nicht?
Eine Kategorie noch, "Medien": Kampagnenjournalismus statt Berichterstattung nervt. Es nerven jene, die mit Europalügen Vorurteile schüren, um ihre Auflage zu steigern. Und es nerven Radionachrichten mit hysterischen Liveschaltungen, weil Mattersburg gegen Ried ein Tor schießt. Geht das im neuen Jahr bitte wenigstens ohne dieses grässliche Hyperventilieren?

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