"Österreich braucht 'Ja zum Leben'...(2)

Finanzkrise kann auch Chance sein

Obwohl es "völlig klar" sei, dass für viele Menschen die Wirtschaftskrise eine Katastrophe ist, sieht Kardinal Christoph Schönborn in der derzeitigen Situation auch eine Chance. "Es gibt viele tragische Einzelsituationen. Im Gesamten ist dennoch zu hoffen, dass es endlich strengere Regulierungen für die Finanzmärkte gibt", stellte Kardinal Schönborn in einem Interview für die Weihnachtsausgabe der Tageszeitung "Der Standard" fest. Der Kardinal erneuerte damit seine Aussagen aus der ORF-"Pressestunde". Dort hatte er betont, dass eine Wirtschaft, die nicht den Menschen in den Mittelpunkt stelle, "in die Irre geht".

In der Diskussion um die Aufnahme von Irak-Flüchtlingen ortet Schönborn bei der Regierung eine "grundsätzliche Offenheit, das Thema anzusprechen". Der Vorschlag sei, besonders bedrohte Flüchtlinge aus dem Irak als Konventions-Flüchtlinge aufzunehmen. Auch die Kirche sei bereit, Flüchtlinge in Pfarren zu beherbergen, wie es schon bei den bosnischen und vietnamesischen Flüchtlingen geschehen sei. Es sei ihm bewusst, so Schönborn, dass damit keine "Global-Lösung" für Flüchtlinge aus der ganzen Welt einhergehe. "Es geht hier um eine ganz präzise Aktion der EU und meine Bitte an die Bundesregierung ist, dass sie sich an dieser Aktion beteiligt", appellierte der Kardinal.

"Bin kein 'Lehrmeister der Nation'"

Im "Standard"-Interview machte Kardinal Schönborn klar, dass "die Kirche" zu Sozialthemen spricht, wenn die Caritas Stellung nimmt. Wörtlich sagte der Wiener Erzbischof: "Irgendwie hat man in gewissen Kreisen das Zweite Vatikanische Konzil noch nicht nachvollzogen. Die Kompetenz der Kompetenten ist gefragt. Wenn Vertreter der Caritas zu solch einem Thema sprechen, dann sind das die Äußerungen der Kirche zu diesem Thema. Es ist ein Missverständnis, zu glauben, wenn der Kardinal nichts gesagt hat, hat die Kirche nichts gesagt. Ich will auf jeden Fall nicht der Lehrmeister der Nation sein".

Schönborn: "Kirche ist nicht mit Hierarchie identisch. In Amerika ist diese Haltung selbstverständlich, da äußeren sich Laien auch zu großen, gesellschaftsrelevanten Themen. In Österreich sind wir aber noch viel zu viel obrigkeitsfixiert, das ist ein Erbe aus der Kaiserzeit". Als Bischof müsse er nicht auf jeden Zuruf einer Provinzpolitikerin reagieren, meinte der Kardinal: "Die Stimme eines Bischofs soll zuerst einmal die Stimme des Evangeliums sein".

Kirche besteht nicht nur aus dem Klerus

Auch bei den medialen "heißen Eisen" wie den Themen "Frauenpriestertum" und "Zölibat" plädierte der Kardinal für einen neuen Blick auf die Dinge: "Wir müssen endlich lernen, dass die Kirche nicht der Klerus ist", so Schönborn wörtlich. Nur 0,5 Promille der österreichischen Bevölkerung seien Priester. "Die Kirche sind aber Männer und Frauen. Dass die 0,5 Promille Männer sind, da ist die katholische Kirche eben davon überzeugt, dass uns das unser Herr und Meister so mitgegeben hat. Und Johannes Paul II. hat ganz klar gesagt, er habe nicht die Autorität, das Programm Jesu umzuändern".

Zur Situation von wiederverheirateten Geschiedenen in der Kirche betonte der Kardinal ein weiteres Mal, dass die Kirche versuche, hier zwei wichtige Prinzipien zu beachten: die Unauflöslichkeit der Ehe und die Barmherzigkeit. Die Diskussion um Kommunion oder nicht für wiederverheiratete Geschiedene sei für ihn "sekundär". Es gehe vor allem darum, wie Betroffene ihre Kinder und "übriggebliebenen" Partner behandeln. "Wenn wir dort ein Mehr an Christlichkeit erleben, dann kann man auch die Frage stellen, dass jemand auch in einer wiederverheirateten Situation zu den Sakramenten zugelassen wird; in einer persönlichen, pastoralen Entscheidung", sagte Kardinal Schönborn.

Abschied vom "patriarchalischen" Familienmodell

Zur innerkirchlichen Diskussion um seine "Jerusalemer Predigt" betonte Kardinal Schönborn, dass es ihm um die Bedeutung der Familie für die Zukunft Europas angesichts der dramatischen demografischen Entwicklung gegangen sei. In diesem Zusammenhang plädierte der Wiener Erzbischof für den Abschied vom "patriarchalischen Familienmodell". Familie könne nur in einem "partnerschaftlichen" Modell funktionieren. Schönborn: "Und da brauchen wir in Österreich sicher einen Umdenkprozess". Vielfach sei die Einstellung gegenüber Familien, die zwei oder mehr Kinder haben, noch so negativ, dass es "schon sehr entmutigend ist".

Zu seiner "Jerusalemer Predigt" (in der es auch um die "Mariatroster Erklärung" von 1968 ging) habe es innerhalb der Bischofskonferenz Kritik gegeben, sagte Kardinal Schönborn im "Standard"-Interview. Er plädiere aber dafür, "nicht über einen Text zu streiten, der vor 40 Jahren geschrieben wurde, sondern offen und ehrlich über die Herausforderungen von heute zu reden".

Die Diskussion von 1968 habe in einem völlig anderen gesellschaftlichen Kontext stattgefunden, erinnerte der Wiener Erzbischof: "Es war der Kontext der demografischen Explosion und der generellen Liberalisierung nach dem Mai 1968". Die Enzyklika "Humanae vitae" habe damals wie "eine kalte Dusche" gewirkt. Wörtlich meinte Kardinal Schönborn: "Mit dem Wissen von heute hätten die Bischöfe damals anders entschieden". (forts.mgl.)
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