"Kleine Zeitung" Kommentar: "Selbst Forscher wissen nicht, wie arg "die Krise" werden wird" (von Wolfgang Simonitsch)

Ausgabe vom 20.12.2008

Graz (OTS) - Es ist schon ein Kreuz mit "der Krise": Kaum einer spürt sie bisher, doch viele zittern und alle reden davon. Das macht die Sache immer schlimmer. Wenn alle Angst haben und daher in einem logischen Reflex weniger Geld ausgeben, wird die Wirtschaft tatsächlich lahmen. "Selbst erfüllende Voraussage" nennt der Fachmann das Phänomen, dass eine Prophezeiung aufgeht, weil sie zur Ursache der Folgen wird, von denen die Rede ist.

Das ist ein gefährliches Spiel und schwer zu stoppen. Wohl auch nicht durch einen erstaunlichen Vorschlag vom Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Klaus Zimmermann. Der gute Mann hat seiner ganzen Branche empfohlen, in nächster Zeit überhaupt keine Wirtschaftsprognosen mehr zu veröffentlichen. Denn einerseits verwirrten die immer schlechter werdenden Vorhersagen das Publikum nur. Außerdem griffen die Prognosemodelle der Forscher viel oder völlig zu kurz, weil dort keine Finanzkrisen vorkommen, wie wir sie gerade erleben. Trotzdem reden die Forscher immer öfter davon, dass etwas Schlimmes bevorsteht.

Doch wie arg es tatsächlich werden wird, könne keiner sagen. Also sei Maul halten aktuell wohl das Vernünftigste, weil wachsende Unsicherheiten vor allem sich selbst erfüllende Prophezeiungen auslösten, befürchtet der prominente Wirtschaftsforscher.

Dieses G'frett ist auch unseren Experten nicht fremd. Doch glauben sie nicht, dass ein Verzicht auf wirtschaftliche Vorhersagen medial durchzuhalten wäre. Dass auch ihre Prognosemodelle den Status Quo und die unmittelbare Zukunft nur unzureichend erfassen und abbilden können, verschweigen sie nicht. Diese Mängel könnten auch nur durch ein paar Erfahrungen mit dem Modell etwas gemildert werden, sagen unsere Prognostiker, die nun für 2009 ein Schrumpfen unserer Wirtschaftsleistung von 0,1 bis 0,5 Prozent erwarten.

Bei einem kompletten Verzicht auf ihr Rechenmodell zur Einschätzung der nahen wirtschaftlichen Zukunft bliebe den Forschern nur noch ihr Bauchgefühl. Und das ist wohl noch viel weniger geeignet, seriöse Aussagen über die kommenden Monate zu machen.

Bleibt vorläufig also nur zu hoffen, dass die Prognosemodelle und -erfahrungen unserer Forschungsinstitute doch etwas taugen und die tatsächliche Krise nicht schärfer wird. Des Bürgers Pflicht ist auch, trotz dieser täglichen Fülle schlechter Nachrichten nicht den Kopf zu verlieren, nicht leichtfertig die "Krise" zu beschwören und damit wenigstens die selbst erfüllende Voraussage nicht herbeizureden.****

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