Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Die Hochbegabten-Show"

Ausgabe vom 20. Dezember 2008

Wien (OTS) - Es war die positive Nachricht in einer grauen Woche:
Wir waren stolz auf einen 16-Jährigen, der bereits in diesem Alter einen Universitäts-Abschluss erzielen konnte, der sich der Nation in Interviews so sympathisch wie vernünftig und leistungsorientiert präsentierte. Und dann schalteten wir rasch wieder zum nächsten Fernsehkrimi oder - bestenfalls - zur nächsten Krisenmeldung um.

Kaum jemand begann aber darüber nachzudenken, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit nur solche Begabte und Hochbegabte sein können, die uns aus der Krise herauszuhelfen, die uns auch in Jahrzehnten noch einen über dem Weltniveau liegenden Wohlstand zu schaffen vermögen. Erst recht niemand ist sich im Klaren, dass wir sehr, sehr viel tun müssten, um diese Begabungen - über eine Wunderkinder-Show hinaus - zu fördern.

Wenn man der Politik so zuhört, so glauben dort manche im Ernst, dass das Bildungsergebnis besser würde, wenn alle Jungtürken bei Schuleintritt Deutsch könnten und man dann einfach (wenn auch mit gewaltigem Aufwand) alle Kinder ins Prokrustesbett der Einheitsschule steckte, damit nur ja keines zu groß oder zu klein gerate. Wenn man Lehrern so zuhört, so glauben manche, dass man die Kinder nur ja nicht auf die bösen Leistungsanforderungen der kapitalistischen Wirtschaft vorbereiten oder ihnen durch schlechte Noten "Chancen nehmen" dürfe. Viele Eltern hingegen glauben, dass man Kinder bloß in der Schule abgeben muss, um Jahre später einen perfekt aufs Leben vorbereiteten Menschen zurückzubekommen. Die Wirtschaft - durch das Denken in Quartalsergebnissen sehr kurzsichtig geworden - wieder giert zumindest in Zeiten der Vollbeschäftigung nur nach den Müttern als Arbeitskräfte, die nicht durch Kindererziehung dem Job ferngehalten werden sollten; und ist sich nicht der Tatsache bewusst, solcherart die wichtigste Langfristinvestition zu bedrohen.

Das Leben wie die Wissenschaft zeigen uns jedoch recht klar, dass das Heranwachsen zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft nur dann gelingen kann, wenn sowohl die genetischen Faktoren, wie auch die liebevolle und zeitaufwendige Zuwendung in der Familie sowie eine möglichst flexibel auf jede einzelne Begabung eingehende Schule zusammenspielen. Das hilft den Hochbegabten, den Begabten und auch den weniger Begabten. Und der ganzen Gesellschaft.

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