Mindestsicherung: Rechtswidrige Praktiken in den Ländern abstellen. -Neue Arbeitsmarktpolitik für Benachteiligte etablieren

Neuerscheinung der Armutskonferenz "Schande Armut" lokalisiert Orte der Beschämung: Sozialamt, AMS, Gesundheitssystem, Schule

Wien (OTS) - "Für die angepeilte Sozialhilfereform müssen die Verbesserungsvorschläge aus der Gesetzesbegutachtung eingearbeitet werden, besonders was das Wohnen, die Hilfe in besonderen Lebenslagen, den Vollzug der Länder und das AMS betrifft.", fordert die Armutskonferenz anlässlich der Neuerscheinung ihrer Publikation "Schande Armut. Stigmatisierung und Beschämung" *). "Es kann keine Mindestsicherung geben, die diesen Namen verdient, ohne dass die tatsächlichen Wohnkosten für die Betroffenen abgedeckt werden, ohne die Sicherung österreichweiter Standards bei existentiellen Nöten in besonderen Lebenslagen, ohne eine Reform des
Vollzug der Sozialhilfe in den Ländern und ohne Reform der aktiven Arbeitsmarktpolitik", so Sozialexperte Martin Schenk. Das heißt:
"Rechtswidrige Praktiken in den Ländern abstellen. Neue Arbeitsmarktpolitik für Benachteiligte etablieren."

Denn "wir sind keine Bittsteller, wir wollen Respekt.", stellen Armutsbetroffene in der aktuellen Publikation klar. Ewerbsarbeitslose, MitarbeiterInnen von Straßenzeitungen, psychisch Erkrankte, Menschen mit Behinderungen und Alleinerzieherinnen mit Kindern waren zusammen gekommen, um gemeinsam über Strategien gegen Beschämung und Stigmatisierung zu beraten. Als Orte, an denen sie immer wieder Beschämung erleben, bezeichneten sie Behörden wie das Sozialamt und das Arbeitsmarktservice, weiters das Gesundheitssystem und die Schule.

Zwt.: Gesundheitssystem: Stigmatisierung hat negativen Einfluss auf Krankheitsverlauf

Die Folgen von Stigmatisierungen auf Menschen mit psychischen Erkrankungen beschreibt Karin Gutierrez-Lobos, Professorin an der Medizinischen Universität Wien. "PatientInnen reagieren auf Stigmatisierung mit Verbergen und Rückzug. Die Erfahrung von Beschämung hat einen negativen Einfluss auf den Krankheitsverlauf." Irene Holzer von der Grazer Marienambulanz betont die Bedeutung des Abbaus von Zugangsbarrieren für Armutsbetroffene. "Da geht es um aufsuchende Arbeit mit interdisziplinären Teams, Versicherung für Nichtversicherte, ambulante Angebote und Dolmetschhilfen."

Die Armutskonferenz schlägt vor, "eine österreichische Gesundheitsstrategie gegen den frühen Tod und das hohe Krankheitsrisiko Armutsbetroffener zu entwickeln", so Schenk. Im offiziellen österr. Gesundheitsbericht kommen sozioökonomische Analysen und Strategien nicht vor. In der Gesundheitsförderung gibt es bis jetzt keine integrierten Ziele zur Verringerung des hohen Krankheitsrisikos Ärmerer. "Anderswo gibt es schon Erfahrung mit einem umfassenderen Vorgehen. In acht europäischen Staaten sind größere Programme zur Verringerung gesundheitlicher
Ungleichheit dokumentiert: UK, Nl, Sp, It, Fr, Fn, Lt, Swe."

Zwt.: Schule: Einmal arm, darf nicht immer arm heißen

"Einmal arm, darf nicht immer arm heißen", formuliert die Sozialwissenschafterin Carmen Ludwig von der Universität Giessen und beschreibt Strategien, um die Vererbung von Armut zu durchbrechen. "Notwendig dafür ist ein Bildungssystem, das die schwierigen Bedingungen im Elternhaus durchbrechen kann und nicht durch mangelnde Durchlässigkeit fortführt. Und entscheidend sind die Angebote im Wohnumfeld der Betroffenen: Soziale Kontakte, Jugendtreffs, Jugendhilfe etc. Kinder und Jugendliche brauchen soziales und kulturelles Kapital um soziale Aufstiegschancen zu erhöhen."

"Eine Schule, die nicht sozial ausgrenzt, ist zentrale Voraussetzung für Armutsbekämpfung und Aufstiegschancen von Kindern aus benachteiligten Familien. Die Schule hat eine zentrale Verantwortung dafür, ob die Bildungschancen vom Talent des Kindes oder vom Einkommen der Eltern abhängen.", fordert die Armutskonferenz. "Anstelle eines defizitorientierten Ansatzes zeichnen sich die sozial erfolgreichen Schulkonzepte durch die Orientierung an den unterschiedlichen Lebenswelten ihrer SchülerInnen aus. Das heißt in durchmischten statt in
"gleichgemachten" Klassen individuell fördern. Das geht nur mit einer neuen Unterrichtsqualität, einer neue Lehrerausbildung und einer neuen Raumarchitektur in den Schulen", so die Armutskonferenz. "Damit Zukunft nicht von der Herkunft abhängt, braucht es einen Bildungsweg, der nicht sozial selektiert, sondern individuell fördert, es braucht eine gut ausgebaute Frühförderung vor der Schule; wichtig wäre auch, Schulen in sozial benachteiligten Bezirken oder Regionen besonders gut auszustatten und zu fördern, damit sie für alle Einkommensschichten attraktiv bleiben., so Schenk abschließend.

* SCHANDE ARMUT. Stigmatisierung und Beschämung.Publikation zur Siebenten
österreichischenArmutskonferenz, 2008. 120 Seiten.
http://www.armut.at/armutskonferenz-armutsforschung-publikationen.htm

DIE ARMUTSKONFERENZ.
Österreichisches Netzwerk gegen Armut und soziale Ausgrenzung.
Die Mitgliedsorganisationen der Armutskonferenz betreuen und unterstützen 500 000 Hilfesuchende im Jahr.
www.armutskonferenz.at

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Martin Schenk: 0664/ 544 55 54 oder 01/ 409 80 01
Koordinationsbüro Armutskonferenz: Tel: 01/ 402 69 44

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