Wehsely: Kein Schlussstrich unter Verbrechen vom Spiegelgrund

Stadträtin Wehsely ehrt Spiegelgrund-Opfer Friedrich Zawrel mit dem Goldenen Verdienstzeichen

Wien (OTS) - "Am Spiegelgrund" fielen zwischen 1940 und 1945 rund 800 Kinder den Verbrechen der Nazis zum Opfer. Insgesamt wurden in der Anstalt Steinhof, dem heutigen Otto-Wagner-Spital, rund 7.500 PatientInnen von den Nazischergen ermordet. Mit Friedrich Zawrel ehrte Gesundheits- und Sozialstadträtin Mag.a Sonja Wehsely heute, Montag, jenen Mann mit dem Goldenen Verdienstzeichen des Landes Wien, der als Spiegelgrund-Opfer gemeinsam mit Dr. Werner Vogt den ehemaligen Arzt der Tötungsklinik "Am Spiegelgrund" Dr. Heinrich Gross aufdeckte. Das Leben Friedrich Zawrels wurde in dem Film "Meine liebe Republik" von Elisabeth Scharang thematisiert und ist aktuell Thema des Theaterstücks "In der Psychiatrie ist es nicht so schön ...", das auf der Probebühne des Theaters in der Josefstadt gezeigt wird.****

"Der Umstand, dass Gross auch nach dem Ende des NS-Regimes seine Karriere fortsetzen konnte, ist ein Kainsmal der Zweiten Republik. Herr Zawrel, Sie haben als mehrmaliges Opfer dieses Mannes dazu beigetragen, dass die öffentliche Debatte über die gefolterten und ermordeten Kinder vom Spiegelgrund beginnen konnte - und Sie tragen als nimmermüder Zeitzeuge heute noch dazu bei, dass kein Schlussstrich gezogen wird. Dafür gebührt Ihnen der Dank des Landes Wien und der Dank jener Generationen, die die Verbrechen der Nazis nur aus dem Geschichtsunterricht kennen", erklärte Wehsely in ihrer Laudatio.

"Der Arzt aus der Mörderklinik hat eine unglaubliche Steilkarriere geschafft: vom Hakenkreuz zum Ehrenkreuz der Zweiten Republik. Ich bin an meiner Vergangenheit gescheitert", betonte Zawrel.

Zum Leben und Wirken Friedrich Zawrels

Friedrich Zawrel wurde 1929 in Lyon in Frankreich geboren, von wo aus er 1930 nach Österreich kam. 1935 kam Zawrel zunächst in die Kinderübernahmestelle der Stadt Wien und in der Folge zu Pflegeeltern. Den dortigen Pflegeplatz bezeichnet Zawrel als "kleinen Vorhof zum Spiegelgrund". 1939 führte sein Weg wieder über die Kinderübernahmestelle zunächst ins Zentralkinderheim, anschließend in das Hyrtl'sche Waisenhaus in Mödling.

1940 kam es zu einem kurzen Aufenthalt bei den leiblichen Eltern, 1941 erfolgte die Aufnahme in der Jugendfürsorgeanstalt am Spiegelgrund. Die erste Begegnung mit Gross führte zur Unterbringung Zawrels in einer Abteilung ohne Unterricht und damit zum Ausschluss vom Zugang zu Bildung.

Weitere Stationen in Kinderheimen sind die Folge. 1943 wird Zawrel zur "Feststellung [des] Erziehungsgrades und [des] Werts für die Volksgemeinschaft" in die Nervenklinik für Kinder auf der Baumgartner Höhe gebracht. Ein verheerendes Gutachten ist die Folge:
Zawrel wird von Dr. Ernst Illing als "staatsfeindlich eingestellter Jugendlicher, nicht mehr erziehbar" klassifiziert. Illing war von 1942 bis 1945 Direktor der Wiener Städtischen Nervenklinik für Kinder "Am Spiegelgrund". Er wurde 1946 von einem österreichischen Volksgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet.

1943 gelang Zawrel die Flucht, 1944 wurde er verhaftet. Im Mai 1945 wurde er von amerikanischen Soldaten in Deutschland befreit.

Nach dem Krieg folgen Jahre als Hilfsarbeiter, da der fehlende Schulabschluss einer Lehre im Weg stand. 1950 heiratete Zawrel, die Ehe wurde 1955 geschieden.

1975 kam es erneut zu einem Zusammentreffen mit Gross, der im Rahmen eines Gerichtsverfahrens unter Zuhilfenahme aller Erhebungsunterlagen und "psychiatrischen Gutachten" aus der Zeit des NS-Terrors ein vernichtendes Gutachten über Zawrel schrieb. Besonders zynisch: Derselbe Gross, der Zawrel vom Schulunterricht fern gehalten hatte, kritisierte Jahre später dessen "schulische Verwahrlosung".

Friedrich Zawrel lebt in Wien und arbeitet als Zeitzeuge.

Ausstellung über Naziverbrechen am Steinhof

Im Pavillon V des Wiener Otto-Wagner-Spitals, dem früheren "Steinhof", wurde im heurigen Sommer die neu gestaltete und erweiterte Ausstellung "Der Krieg gegen die 'Minderwertigen' - Zur Geschichte der NS-Medizin in Wien" wieder eröffnet. Die Ausstellung erläutert die nationalsozialistischen Medizinverbrechen in Wien und thematisiert auch den Umgang mit diesen Verbrechen nach 1945. Die Dauerausstellung ist von Mittwoch bis Freitag (werktags), jeweils in der Zeit von 10 bis 17 Uhr geöffnet, an anderen Tagen nach Vereinbarung. Der Eintritt ist frei, kostenlose Führungen können unter der Telefonnummer 01/ 22 89 469-319 bzw. per E-Mail unter office@doew.at vereinbart werden.
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