DER STANDARD-Kommentar: "Weniger ist manchmal mehr" von Johanna Ruzicka

"Der reisende UN-Klimazirkus produzierte bisher vor allem eines: Viel CO2"; Ausgabe vom 15.12.2008

Wien (OTS) - Die UN-Klimakonferenz im polnischen Poznañ ist also, was Wunder, nach zwölf Tagen politischen Verhandelns mit wenig substanziellen Aussagen zu Ende gegangen. Schon im Vorfeld war befürchtet worden, dass nicht viel herauskommt - wie bei vielen Konferenzen davor. Riesenkonferenzen wie diese zeichnen sich selten durch Durchschlagskraft aus; Kritiker nennen die UN-Klimakonferenzen mittlerweile einen "reisenden Klimazirkus".
Das letzte Woche parallel ausverhandelte EU-Klimapaket, das von vielen Kritikern als so löchrig wie ein Emmentaler bezeichnet wird, nimmt sich dagegen wie ein ordentliches Verhandlungsergebnis aus. Schwächer zwar wie erhofft, aber eine Grundlage, auf der aufgebaut werden kann. Setzt Europa die Ratsvorgaben um, ist die angestrebte Vorreiterposition in Sachen Klima- und Umweltschutz gewiss. Das ist schon etwas.
Doch zurück zu dem offenkundigen Unvermögen der Weltgemeinschaft, bei dem wahrscheinlich drängendsten Problem der Menschheit auf einen grünen Zweig zu kommen. Die Erderwärmung ist anscheinend so was von egal, dass trotz Tagung in Permanenz - und dies seit 1997 - zu keinem Ergebnis gelangt werden konnte. Erstaunlich angesichts der Katastrophenszenarien, die von den zuständigen UN-Klimaorganisationen in schöner Regelmäßigkeit vorgelegt wurden.
Nun muss man kein "Klima-Skeptiker" sein, der den Zusammenhang zwischen erhöhtem Treibhausgas-Ausstoß und ansteigenden Temperaturen als nicht gegeben ansieht, wenn einem die praktische Umsetzbarkeit von vielen Forderungen rund um das Völkerrechts-Vertragswerk zum Klimaschutz nicht machbar erscheint: Die Weltbevölkerung nimmt zu, damit auch der Bedarf an Lebensmitteln und Energie. Die globalisierte Produktion von Waren und Dienstleistung bringt es mit sich, dass der Handel expandiert - auch dies geht nicht ohne erhöhten Treibhausgas-Ausstoß. Und ein bisschen Wohlstand für alle -vielleicht könnte dies auch irgendwann möglich sein?
Faktum ist, dass mit dem derzeitigen Wissen und Technologiestand mehr Menschen und mehr Wirtschaftsleistung gleichbedeutend ist mit mehr Treibhausgas-Emissionen. Der forcierte Umstieg auf mehr erneuerbare Energie ist nicht von heute auf morgen zu bewerkstelligen. Die Abhängigkeit von fossiler Energie bleibt hoch. Falsch war es deshalb, am im Kioto-Klimaprotokoll vorgegebenen Muster festzuhalten, das im Wesentlichen lautet: Der Treibhausgasausstoß muss um soundso viel Prozent gesenkt werden, damit die Temperatur nicht zu sehr steigt. Die Verhandlungen in der Vergangenheit konzentrierten sich deshalb permanent auf Abtausch. Kein Staat, keine Branche, kein Unternehmen will bei den Treibhausgas-Sparbemühungen den schwarzen Peter ziehen und mehr einsparen müssen als das Verhandlungsgegenüber oder ein Konkurrent. Die mit Ausnahmen gespickten Verhandlungsergebnisse, auch auf EU-Ebene, sind beispielhaft dafür.
Ex-Greenpeace-Aktivist Bjørn Lomborg hat in seinem Buch Cool It! darauf hingewiesen, wie wenig selbst mit einer drastischen weltweiten Einsparung an Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen bewirkt werden kann. Um wie wenige Jahre die Folgen der Erderwärmung hinausgeschoben werden können. Stattdessen plädiert er für mehr Aktivitäten im Bereich Anpassung: Ein Mix aus Forschung im Bereich CO2-freier Energien samt dem Bau von Hochwasserschutz ist dabei zielführender als CO2-Sparen.
Nachhaltiges Wirtschaften ist nämlich aus vielen Gründen ein Gebot der Stunde. Und der Klimawandel ist nur einer davon.

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