"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wie der ORF-Stiftungsrat List und Verantwortung verbindet" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 12.12.2008

Graz (OTS) - Wenn Berge kreißen, werden oft Mäuslein geboren. Warum sollte das mit dem Küniglberg anders sein. Das Ergebnis der gestrigen Stiftungsratssitzung ist unscheinbar und dennoch vernünftig. Lohnabschluss (1,9 Prozent) und Budget 2009 wurden akzeptiert, die Langzeitplanung ins neue Jahr verschoben. Damit hat der Stiftungsrat Verantwort gezeigt. Möglicherweise auch politische Hinterlist.

In Anbetracht des allgemein hohen Gehaltsniveaus im ORF ist der vergleichsweise moderate Lohnabschluss zwar nicht heroisch, aber er zeugt davon, dass auch die Arbeitnehmerseite den Ernst der Lage erkennt. Dass ihn ausgerechnet der langjährige Betriebsratsobmann und VP-Mann Heinz Fiedler als viel zu gering schilt, ist kurios. Steht doch die ÖVP meist für harte Sparkurse.

Fiedler war es auch, der vor etlichen Jahren gemeinsam mit der Gesinnungsfreundin Monika Lindner über tausend Neuanstellungen durchdrückte, nachdem alle Generalintendanten zuvor den Personalstand gesenkt hatten. Persönlich ist es einem eine Freude, wenn möglichst viele Journalistenkolleginnen und -kollegen halbwegs sichere Arbeitsplätze haben. Aber ein Unternehmen muss sich das auch leisten können, der schiere Wunsch des Betriebsrates ist noch keine Bestandsgarantie.

Bevor Alexander Wrabetz also einige hundert Angestellte wieder zurück an die rauere Luft der "freien" Mitarbeit setzen kann, müssen daher dafür entsprechende Rahmenbedingungen garantiert sein. Auch darauf haben die Stiftungsräte gestern Bedacht genommen.

Am wichtigsten aber ist, dass man sich nicht mit einem bloßen kaufmännischen Sparpaket abfinden wollte und von der ORF-Führung eine umfassende Gesamtstrategie verlangt. Bis Februar, März soll diese geliefert werden.

Bisher erschöpft sie sich im Kappen von Posten und Programmen. Fragen nach Sinn, Zweck, Art und Funktion des ORF wurden nicht gestellt, geschweige denn beantwortet. In Zeiten radikaler Umbrüche im Medienbereich reicht es wohl nicht, Groschen zu zählen und Bilanzen zu formen. Man muss an übermorgen denken, selbst wenn man nicht wirklich weiß, was morgen sein wird.

Im Kaffeesud lesen kann jeder, hellsichtig zu handeln indes ist etwas, das von echten, dafür hoch bezahlten Führungskräften verlangt wird.

Und hier ist auch ein politischer Trick möglich: Sollten die neuen Machthaber Wrabetz loswerden wollen, brauchen sie bloß seinen zweiten Entwurf auch zurückzuweisen. An einem dritten würde dann wohl ohne ihn gearbeitet.****

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