Wo ist eine Lobby für die Jugend?

"Presse"-Leitartikel, vom 12. Dez. 2008, von Martina Salomon

Wien (OTS) - Zukunftsfragen werden sträflich vernachlässigt. Die Rechnung dafür müssen die Jungen zahlen.

"Wir ruinieren die öffentlichen Finanzen und wälzen alle Probleme auf unsere Kinder ab." Natürlich hat das kein Österreicher gesagt, sondern ein Deutscher: Der Chef des Industrie- und Handelskammertags warnte am Donnerstag davor, ein staatliches Konjunktur-Strohfeuer zu entzünden. Die Quittung werde der nächsten Generation präsentiert. Eine bemerkenswerte Ansage - allein schon deshalb, weil die Bedürfnisse der Jugend im Mittelpunkt stehen. In Österreich gehen die Uhren anders. Nur kurz starrte man erschrocken auf die Jungen, als sich diese bei der letzten Nationalratswahl in Scharen den Blauen zuwandten. Die Konsequenz der Regierungsparteien? Die SPÖ installierte die junge, hübsche Laura Rudas als zweite Bundesgeschäftsführerin - und aus. Die ÖVP muss wohl erst in ihrem Perspektivenpapier nachschauen. Aber weder dort noch im Regierungsprogramm findet sich ein Kapitel zum Thema Jugend.
Nun könnte man entgegnen, dass dies eben eine Querschnittsmaterie ist: die Schnittmasse aus allen Zukunftsthemen. Aber kümmert sich jemand darum? Wissenschaftler schlagen zu Recht Alarm, weil das geplante Forschungsbudget deutlich niedriger als versprochen ausfällt. Dabei hat das Land hier Aufholbedarf, auch wenn in den letzten Jahren einiges geschehen ist. Letztlich laboriert Österreich ja auch noch immer an den Folgen der Vertreibung und Ermordung jüdischer Intelligenz. Siehe etwa die einst weltberühmte "Wiener Medizinische Schule". Sie hat ihren Ruf nicht wiederherstellen können, was auch an schlechten Strukturen und einem Klüngel an Privilegierten liegt, der es für junge Forscher schwer macht, Fuß zu fassen und dabei auch noch ein annehmbares Gehalt zu verdienen. Sie haben keine Lobby.

Ein Hochlohnland wie Österreich kann im internationalen Wettbewerb nur mit Innovationsgeist und Topbildung bestehen. Strukturmängel können wir uns nicht leisten. So buttert Österreich zwar überdurchschnittlich viel Geld und Personal ins Schulwesen, erntet jedoch mittelmäßige bis sinkende Schülerleistungen. Die Installierung einer Gesamtschule, ohne alle anderen Probleme zu lösen, wird das Ergebnis weiter verschlechtern. Es geht um vergleichbare Leistungen (Bildungsstandards), um Schülerförderung, die sich nicht auf Eltern verlässt, um bessere Lehrerauswahl und -bildung (und damit auch Image), um Integration. Selbst der Gesamtschul-Fan Rainer Domisch aus dem finnischen Unterrichtsministerium hat kürzlich bei einer Diskussion in Wien festgestellt, dass eine Gesamtschulklasse nur erfolgreich unterrichtet werden kann, wenn darin höchstens 25 bis 30 Prozent an Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache sitzen. In Wiener Volksschul- und Hauptschulklassen sind es bis zu neunzig Prozent und mehr. Viele Pädagogen fühlen sich alleingelassen und haben resigniert. Die Folge ist ein Bildungsproletariat, das Österreich hohe soziale Folgekosten bescheren wird.
Denn auch das Zukunftsthema Integration wird sträflich vernachlässigt. Die entscheidenden Fragen sind hier doch: Wie werbe ich um gut gebildete, anpassungsfähige Zuwanderer, wie integriere ich jene, die ich aus humanitären Gründen hereinlasse, und wie vermeide ich Konflikte?

In der Wirtschaftskrise werden die Verteilungskämpfe wohl härter, auch um Jobs. Jugendliche könnten davon besonders betroffen sein. Es ist kein tolles Signal, dass nun gerade der Lehrlingsbeauftragte Egon Blum seines Amts enthoben wird. Aber das Augenmerk ist halt bei den Älteren: Die Hackler-Frühpension wird aus Populismus verlängert, für ernsthaftere Pensions- oder vielleicht sogar Verwaltungsreformen fehlt allen der Nerv. Die Rechnung werden die Jungen bezahlen, die sich dummerweise verdrossen von der Politik abwenden, anstatt sich aktiv einzubringen.
Nicht zuletzt zählt zu den Altlasten, die die nächste Generation "schlucken" muss, auch die katastrophale bzw. nicht vorhandene Raumplanung im Land. Die Zerstörungswut roter und schwarzer Wohnbaugesellschaften, die ohne Rücksicht auf Verluste aus dem kleinsten Platz maximalen Wohnraum herauspressen, kennt keine Grenzen. "Einfach schiach" klassifizierte Christoph Chorherr kürzlich in der "Presse" so richtig dieses Unwesen, speziell im verhüttelten Niederösterreich. Wien ist nicht besser und kontert mit architektonischen Geschmacklosigkeitsexzessen, die auch noch sauteuer sind.
Es braucht eben - siehe oben - mehr Bildung, mehr Beschäftigung mit Zukunftsthemen, mehr Augenmerk auf die Jugend.

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