Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Von Fritz bis Pühringer"

Ausgabe vom 12. Dezemner 2008

Wien (OTS) - Stell dir vor, es ist Streik, und nur die freigestellten und kündigungsgeschützten Betriebsräte gehen hin -pardon, fahren in ihren Dienstwägen vor. Einen Tag die roten, einen die schwarzen. Diesen Eindruck vermitteln die Aktionen rund um die Post von Tag zu Tag stärker. Ein Unternehmen kämpft ums Überleben, wird von neuer und zunehmend ausländischer Konkurrenz auf den Märkten angegriffen - und die angeblichen Belegschaftsvertreter tun alles, um die Kunden zu vertreiben.

Ein Erfolg ihrer Streikversuche würde die Post auch noch in anderer Hinsicht gefährden: Kann sie die Universaldienstverordnung nicht einhalten, also die Pflicht zur täglichen österreichweiten Zustellung, dann wären auch die letzten Privilegien der Post juristisch unhaltbar. Nur die Privilegien der Betriebsräte sollen natürlich unangetastet bleiben.

Denn eine weitere Diskussion brennt längst unter den Nägeln:
nämlich die über die Rolle von geistig in der Postkutschenzeit steckengebliebenen Menschen wie Gerhard Fritz als Aufsichtsräte in Österreichs großen Aktiengesellschaften. Glaubt irgendjemand ernsthaft, solche Typen wären dieser in stürmischen Zeiten extrem schwer gewordenen Aufgabe gewachsen? Sollen die unternehmerischen Erfolge der Gewerkschaft - von Konsum bis Bawag - wirklich noch weiter fortgesetzt werden?

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Die Regierung hat ein durchaus raffiniertes Konzept entwickelt, demzufolge die mediengeilen Humanitätsschreier nun selbst die Verantwortung für die ständig beklagten Asyl-Härtefälle übernehmen sollen. Statt das Risiko auf die wehrlose Allgemeinheit abzuwälzen, können nun all die gutmenschlichen Künstler, Pfarrer und NGOs, die etwa im Fall Arigona so viel Betroffenheit versprüht haben, als Paten nun selbst gute Menschen sein und ganz konkret Verantwortung übernehmen.

Amüsant zu sehen, wie sie sich plötzlich winden und drehen. Noch amüsanter ist Oberösterreichs Landeshauptmann Pühringer, der im Fall Arigona die Bundesregierung laut gescholten hat, der sich nun aber so gar nicht freut, dass er künftig selbst die letzte Entscheidung treffen soll. Offenbar spürt er inzwischen, dass seine Wähler in dieser Frage ganz anders denken als er.

Womit bewiesen ist: Gutmenschen wie Landeshauptleute stänkern lieber, als dass sie selbst Verantwortung tragen. So wie die Postgewerkschafter.

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