"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer: "Klassentreffen der Politiker und Lehrer"

Eine Volksschul-Reform gegen den Widerstand der Gewerkschaft - na und?

Wien (OTS) - Die Reaktionen laufen immer nach dem gleichen Muster ab, sobald Ergebnisse einer internationalen Studie im Bildungsbereich nicht den - in nobler Selbsttäuschung gehegten -Erwartungen gerecht werden: Die einen zeigen sich verblüfft, als handle es sich um ein unerwartetes Naturereignis; andere wiederum wollen es ohnehin immer schon gewusst haben; und alle kennen postwendend die wahren Schuldigen am Absturz von Spitzenplätzen in die Mittelmäßigkeit.
Bei der Studie über die Kenntnisse der Volksschüler in Mathematik und Naturwissenschaften ist es jetzt nicht anders: Die anti-autoritäre und grün-bewegte Lehrergeneration sei an der Naturwissenschaftsfeindlichkeit schuld; die Politik wegen der schlechten Bezahlung der Volksschullehrer und der geringen Qualität der Ausbildung der Pädagogen; und natürlich der stark angestiegene Anteil von Migrantenkindern, obwohl es in der Studie explizit heißt: Der Leistungsabfall sei hauptsächlich bei den "einheimischen und bei den guten Schülerinnen und Schülern feststellbar" und mit der Anzahl an Migranten nicht ausreichend erklärbar.
Aber von Fakten lässt sich niemand an Schuldzuweisungen hindern. Wer wie Unterrichtsministerin Claudia Schmied gerade die parteipolitische Brille aufhat, sieht die Verantwortung bei der früheren ÖVP-Ressortchefin Elisabeth Gehrer seit 1995, obwohl diese fünf Jahre in einer SPÖ-geführten Regierung gewerkt hat. Wer die föderale Brille benützt, sieht das Versagen entweder beim Bund oder bei den Ländern, wobei die Verantwortung hin und her geschoben werden kann.
Im neuerlichen Entsetzensfuror werden aber einige Fakten im Grundschulbereich geflissentlich übersehen. Zum Beispiel das Agieren der Lehrergewerkschaft, deren ganzes Sinnen und Trachten in den letzten Jahrzehnten immer darauf ausgerichtet war, die zeitliche Belastung ihrer Klientel zu reduzieren und Änderungen im Dienstrecht zu verhindern. Es ist bezeichnend, dass dem obersten Pflichtschullehrer-Gewerkschafter, Walter Riegler, nur die Forderung nach mehr Ressourcen eingefallen ist.
Oder die Tatsache, dass der Lehrberuf an den Volksschulen fast ausschließlich weiblich ist. Dies hängt nicht nur mit der nahezu idealen Vereinbarkeit von Familie und Beruf zusammen, sondern auch mit der Gehaltsstruktur. Die Lehrergewerkschaft hätte schon längst auf Änderungen drängen können, um diesen Bereich für Männer attraktiver zu machen.
Wer jetzt überrascht ist, hat wohl die letzten fünf Jahre verschlafen. Seit 2003 waren die Konsequenzen der Flucht Tausender Lehrkräfte in den Vorruhestand absehbar. Wiens Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl von der SPÖ war damals auch schon im Amt.
Nachhaltige Änderungen sind nur in Konfrontation mit der Gewerkschaft zu erreichen. Es würde der neuen Regierung zur Ehre gereichen, selbst vor einem Lehrerstreik nicht in die Knie zu gehen - bevor der nächste Leistungsnachweis wieder alle überrascht.

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