- 05.12.2008, 18:02:49
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Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Die Regulierer"
Ausgabe vom 6. Dezember 2008
Wien (OTS) - Politik und Medien haben eines gemeinsam: Sie lassen
sich leicht in Panik versetzen. Dann galoppieren alle wie eine
aufgeschreckte Herde in dieselbe Richtung, und niemand denkt nach, ob
dadurch nicht noch viel größeres Unheil entsteht.
Nachher will dann freilich niemand mit von der Partie gewesen
sein. Ein aktuelles Beispiel haben soeben unsere Grünen und Blauen
geliefert: Sie werfen der Regierung vor, die AUA um Jahre zu spät zu
privatisieren. Der Vorwurf stimmt - nur sind beide Parteien in den
letzten Jahren selbst mit scharfer Kritik an der Privatisierung und
dem "Verkauf von Familiensilber" aufgefallen. Aber was kümmert sie
schon ihr Unsinn von gestern...
Auch in der Wirtschaftskrise galoppiert nun alle Welt in dieselbe
Richtung. Mit zwei Devisen: "Regulieren, was nur geht!" Und: "Brav
ist, wer jetzt am meisten Schulden macht."
Lediglich die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und ihr
sozialdemokratischer Finanzminister wagen es, "Halt!" zu rufen und:
"Denken wir doch wenigstens ein paar Wochen nach!" Aus logischen
Motiven: Warum soll eine durch wildes Schuldenmachen entstandene
Krise eigentlich durch noch viel wilderes Schuldenmachen bewältigt
werden können? Warum sollen gute Steuergelder etwa die Autoindustrie
langfristig retten können, die seit Jahren weltweite Überkapazitäten
hat? Welche strategischen Reserven bleiben, wenn man jetzt alles
Pulver verschießt? Sind Schulden nicht die sicherste Ursache
künftiger Arbeitslosigkeit?
Auch die nun ausgebrochene Manie, möglichst das gesamte
Wirtschaftsleben zu regulieren, stimmt skeptisch. Sie erinnert an die
einstige Regulierungswut beim Wildbachverbau. Viele Alpentäler wurden
in der Nachkriegszeit um teures Steuergeld verbaut und reguliert. Der
Effekt: Viele kleine Hochwässer wurden zwar verhindert, die
Hochwassergefahr weiter unten an den Flüssen wurde damit jedoch auf
katastrophale Weise gesteigert. Woraufhin man wieder um teures
Steuergeld begann, die Regulierungen rückzubauen...
Viel klüger wäre es, den Zufluss an Flüssigkeit (=Liquidität) zu
regulieren. Was beim Wetter (noch) unmöglich ist, wäre beim Geld
jedoch möglich gewesen - hätten nicht die Regierungen ständig (und
die Notenbanken häufig) viel zu viel Geld unter die Menschen
gebracht. Weil's populär war.
http://www.wienerzeitung.at/tagebuch
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