"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer: "Vergesst Obama! Groteske Vergleiche"

Künftiger US-Präsident als Opfer der Vereinnahmung durch Politik und Medien.

Wien (OTS) - Bundespräsident Heinz Fischer tut es, Josef Pröll und Wolfgang Schüssel tun es, heimische Medien tun es: Rund um die Bildung der neuen Regierung wird der künftige US-Präsidenten Barack Obama von allen mit verkrampften Vergleichen in die österreichische Innenpolitik gezerrt; sein Wahlslogan "Yes, we can" bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zitiert; und am Boulevard Bundeskanzler Werner Faymann sogar als "Austro-Obama" angekündigt. Das ist abstrus. Nichts, aber schon gar nichts in der innenpolitische Situation berechtigt irgendjemanden dazu, den US-Erfolgspolitiker für österreichische Verhältnisse zu vereinnahmen. Man nehme nur die Regierungsbildung her. Obama holt sich ideologische Gegner, starke Persönlichkeiten und Querdenker in sein Team.
Hat jemand schon Querdenker oder Skeptiker der rot-schwarzen Kombination im Kabinett Werner Faymanns entdeckt? Wolfgang Schüssels Seitenhieb bei einer Buchpräsentation, dass man wie Obama "die Besten um sich scharren sollte und nicht die Zwergerln", war auch nicht mehr als ein zwanghafter Versuch, sich irgendwie auf Obama beziehen zu können.
Oder man denke an die Rede Josef Prölls am Parteitag der ÖVP. Unter Vergewaltigung der deutschen Sprache wurde aus dem "Yes, we can" ein "Wir können - mehr"; nämlich "mehr überraschen, als das

manche von uns glauben", oder "neuer sein" oder "näher sein". Hier gingen Rhetorik und Stil in der Übersetzung des berühmten Wahlspruchs verloren. Wozu? Das ist grotesk! Zumal Josef Pröll zuvor immer wieder betont

hat, was alles "nicht sein kann": Das Land anderen Parteien "überlassen", in den Bundesländern "Champions League spielen, im Bund nicht einmal Landesliga", zwei Drittel der Bürgermeister stellen und im Bund vielleicht sogar um Platz 3 kämpfen". Die "Yes, we can"-Mentalität hat eben mit dem "Wir können", aber nur unter bestimmten Bedingungen, absolut nichts zu tun.
Da ist nicht einmal noch die Rede von der Unvergleichbarkeit der Größe, der Bedeutung und der Probleme. Sie allein macht die geradezu zwanghafte Vergleichslust lächerlich. Diese sollte nicht einmal ausreichen, die Unterschiede im Zugang zum Amt in den nächsten Jahren hervorzuheben. Dennoch: Während die nunmehr angelobte Koalition mit Beschwichtigungen und Versprechungen positive Erwartungen entfachen möchte, dämpft Obama öffentlich - zuletzt in einem langen TV-Interview - die in ihn gesetzten Erwartungen und spricht von unvermeidlichen eigenen Fehlern und künftigen Pannen seiner Administration. Hat jemand Ähnliches jüngst von Faymann & Co gehört?
Konträrer geht’s nicht. Während Obama aber mit seinen jüngsten Personalentscheidungen laut Medienurteil "die kühnsten Erwartungen" bereits übertroffen hat, nimmt in Österreich eine Regierung die Arbeit auf, die nicht einmal irgendwelche Erwartungen, geschweige denn kühnste, auslöst. Also, bitte, vergesst Obama!

Rückfragen & Kontakt:

KURIER
Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649
innenpolitik@kurier.at
www.kurier.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKU0001