Bestenfalls ein Schönwetterkanzler

"Presse"-Leitartikel, vom 29. November 2008, von Michael Fleischhacker

Wien (OTS) - In seinen letzten Tagen als Bundeskanzler wird Alfred Gusenbauer ein letztes Mal Unrecht getan - durch Lob.

Die politischen Nachrufe auf den scheidenden Bundeskanzler Alfred Gusenbauer sind durchwegs von Wehmut geprägt. Eigentlich, so der Tenor, sei er doch ein Kanzler gewesen, wie man sich ihn nur wünschen kann: gebildet, eloquent, kultiviert, vielsprachig, belesen, humorvoll, schlagfertig, ein Kanzler zum Gernhaben. Gescheitert eigentlich "nur" an seiner Partei und am Koalitionspartner. Interessant. Das ist ein wenig so, als würde man über den gefeuerten Chef eines Großkonzerns sagen, er sei gebildet, eloquent, kultiviert, vielsprachig, belesen, humorvoll und schlagfertig gewesen. Gescheitert sei er nur am Aufsichtsrat seines Unternehmens und am direkten Mitbewerber, irgendwie würde man sich ihn aber trotzdem zurück in den Chefsessel wünschen. Kommt eher selten vor.
Zu der Frage, warum man den am spektakulärsten gescheiterten Bundeskanzler der Zweiten Republik nun mit einem medialen Santo subito zum Märtyrerkanzler der solidarischen Hochleistungsgesellschaft erhebt, gibt es im Wesentlichen zwei Hypothesen:
 Schlechtes Gewissen. Journalistische Gusenbauer-Adoranten der ersten Stunde haben schon zu Beginn seiner Amtszeit - in der "Umfaller"-Phase - darüber geklagt, dass der Schöngeist vom Ballhausplatz zum Opfer bornierter Schimpfer zu werden drohe, die an ihm ihre Verzweiflung über die eigene intellektuelle Insuffizienz abreagierten. Vielleicht hatten sie recht, dann müsste man die späten Lobgesänge als literarische Zeugnisse später Läuterung interpretieren.
 Feigheit. Einiges spricht dafür, dass die Gusenbauer-Phantomschmerzen ein gefahrloser Verarbeitungsmodus für den Zweifel an den Fähigkeiten seines Nachfolgers sind. Den legendären, in der Anfangszeit üblicherweise Ferdinand Lacina zugeschriebenen Ausspruch "Wer Faymann kennt, ist für Gusenbauer" hört man heute kaum noch. Nachdem der Mann, über den sich im Wahlkampf so viele aufrechte Sozialdemokraten wegen seines "Krone"-Opportunismus das Maul zerrissen haben, nun Bundeskanzler wird, erscheint es vielen opportun, stattdessen Gusenbauer ostentativ zu loben. Man hat den Eindruck, dass sich ein charmanter Rest des Dissidentenhumors, den man im ehemaligen Ostblock so geschätzt hat, in die postmodernen Zeiten des Zahnpastastalinismus herübergerettet hat.
So unterschiedlich die Motive für die Flut an wehmütigen Kondolenzadressen an den Ballhausplatz auch sein mögen: Die Faktenlage der abgelaufenen Legislaturperiode bietet dafür nicht wirklich eine Grundlage. Alfred Gusenbauer ist weder das feinsinnige Opfer der Grobheiten schimpfwütiger Journalisten, noch eignet er sich als Projektionsfläche für die Enttäuschung über den gnadenlosen Populismus seines Nachfolgers.
Das "Umfaller"-Image hat er vollkommen zu Recht seinem Verzweiflungswahlkampf 2006 zu verdanken, in dem er alles versprach, was gut und teuer war, wissend, dass er einen Gutteil davon nicht einmal im Falle einer SPÖ-Alleinregierung würde umsetzen können. Das zeigte sich besonders deutlich in der Frage der "Eurofighter": Nach der Wahl erklärte er, man könne sie nun leider doch nicht abbestellen, weil es gültige Verträge gebe. Sollte er das wirklich erst am Wahltag begriffen haben, ist es mit seiner intellektuellen Kapazität wohl doch nicht so weit her.
Und wer jetzt den Gusi lobt, um den Faymann zu schmähen, hat schon vergessen, was sich im Sommer 2006 tatsächlich abgespielt hat: Ein Putsch an der Parteispitze, gemeinsam inszeniert von Gusenbauer und Faymann, ein Brief an "Onkel Hans", unterzeichnet von beiden Putschisten. Wer von den beiden der größere Opportunist gewesen ist, lässt sich nicht so eindeutig sagen, fix ist nur, dass Faymann der talentiertere von beiden ist.
Bleibt also die Tatsache, dass Alfred Gusenbauer in seinen letzten Monaten als Kanzler eine Menge Sympathie zurückgewonnen hat. Während sein Nachfolger mit dem neuen ÖVP-Chef Josef Pröll Koalitionsverhandlungen führte, machte Alfred Gusenbauer in den Verhandlungen über das Bankenpaket und bei der Kommentierung der Weltwirtschaftslage gute Figur. Auch das gab allerdings eher einen Blick auf seine Schwächen als auf seine Stärken frei: Wer nur ohne die Last der Verantwortung eine respektable Vorstellung abliefert, ist bestenfalls ein Schönwetterkanzler.
Bei allem Sinn für Pietät sollte man also auf dem Boden der Realität bleiben: Alfred Gusenbauer ist ein hochinteressanter Gesprächspartner, aber er war ein miserabler Regierungschef.

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