ORF-Publikumsrat: Studientag "Europa und der ORF"

Präsentation der Umfrage 2008 des ORF-Publikumsrats zum Thema "Europa und der ORF"

Wien (OTS) - Der ORF-Publikumsrat, unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Georg Weißmann, beschäftigte sich am Freitag, dem 28. November, im ORF-Zentrum Wien im Rahmen eines Studientags mit dem Thema "Europa und der ORF". Im Gespräch mit Europaparlamentariern, Meinungsforschern und weiteren Experten diskutierten die Mitglieder des ORF-Publikumsrats über Impulse für mehr europäische Öffentlichkeit in Österreich. Auf dem Programm des Studientags stand auch die Präsentation der Umfrage 2008 des ORF-Publikumsrats zum Thema "Europa und der ORF".

Die Studie war zweistufig angelegt: Eine qualitative Erhebung mit zwei Gruppendiskussionen wurde vom Institut MAFOS durchgeführt, eine österreichweite Repräsentativerhebung von GfK Austria. Die Ergebnisse der Repräsentativbefragung basieren auf 1.000 persönlichen Interviews mit Personen 15+. Univ.-Doz. Dr. Peter Ulram (GfK Austria) und DDr. Werner Weißmann (MAFOS) präsentierten die Ergebnisse der Studien:

Publikum wünscht sich von Medien Objektivität und Sachlichkeit

Die zwei Gruppendiskussionen hätten gezeigt, dass das Thema "Europa" mit geringem "Involvement" diskutiert wird und grundsätzlich der Eindruck besteht, die Medien würden eher negativ und zu wenig über größere Zusammenhänge berichten, fasste DDr. Werner Weißmann (MAFOS) die Hauptergebnisse der qualitativen Studie zusammen. Den ORF-Medien Ö1 und ORF 2 wird die höchste Europa-Kompetenz in der Berichterstattung zugemessen. Die Seherinnen und Seher sehen Vertrauenswürdigkeit, Aktualität und Kompetenz als Stärken der ORF-Berichterstattung und wünschen sich mehr Objektivität und Konsumententhemen. Die Studie zeigt, dass das Publikum insgesamt eine positivere Berichterstattung erwartet, die auch Ziele und Perspektiven darstellt. Dabei wird es aber nicht als Aufgabe des ORF gesehen, Stimmung zu machen. Objektivität und Sachlichkeit stehen dabei im Mittelpunkt.

Interesse an Europa

37 Prozent der Befragten sind an Informationen über Europa sehr stark (14 Prozent) oder stark (23 Prozent) interessiert, fasste Univ.-Doz Dr. Peter Ulram (GfK Austria) die Ergebnisse des quantitativen Teils der Studie zusammen: 36 Prozent bekunden, teilweise interessiert zu sein. Bei einem Viertel hält sich das diesbezügliche Informationsinteresse deutlich in Grenzen. Diese Werte entsprechen weitgehend dem Interesse an Informationen über die EU: 36 Prozent zeigen hier sehr starkes (14 Prozent) oder starkes Interesse (22 Prozent). 36 Prozent sind teilweise interessiert, 17 Prozent zeigen wenig und 11 Prozent überhaupt kein Interesse.

Fernsehen primäre Informationsquelle

Primäre Informationsquelle über Europa bzw. die EU ist das Fernsehen - 84 Prozent beziehen ihre diesbezüglichen Informationen aus dem TV, so Peter Ulram. An zweiter Stelle kommen die Tageszeitungen (52 Prozent), an dritter Stelle folgt das Radio (36 Prozent).

Am besten über Europa bzw. die EU informiert fühlen sich die Befragten durch das ORF-Fernsehen (49 Prozent sehr gut oder gut informiert). Auf den weiteren Plätzen folgen andere deutschsprachige TV-Sender wie ARD und ZDF (38 Prozent sehr gut oder gut informiert), die ORF-Radios (38 Prozent), ausländische TV-Nachrichtensender (28 Prozent) und deutschsprachige private Auslandssender (27 Prozent).

Großes Interesse an Konsumentenschutz

Aus Sicht der Befragten soll der ORF folgende Themen im Zusammenhang mit Europa ausführlicher behandeln: Konsumentenschutz (58 Prozent), Umwelt, Klimaschutz (46 Prozent), Einwanderungspolitik (44 Prozent), Bildung (36 Prozent), Wissenschaft und Forschung (33 Prozent), Europa und die Globalisierung (32 Prozent), Verkehr, Transit (32 Prozent), Wirtschaftsthemen (32 Prozent), Porträts einzelner Länder (32 Prozent), grenzüberschreitende Initiativen, Nachbarschaft (29 Prozent) sowie Alltagsleben und Probleme anderer Länder (29 Prozent).

Als spezielle Themen, bei denen sich das Publikum vom ORF mehr Information wünscht, ermittelt die Studie: EU-Maßnahmen zur Bewältigung der internationalen Wirtschaftskrise (44 Prozent), Berichte über Erfolge und Vorteile der EU (43 Prozent), EU-Verträge (36 Prozent) und Möglichkeiten, in anderen EU-Ländern zu studieren und zu arbeiten (33 Prozent) sowie das Verhältnis der EU zu anderen Ländern und Machtblöcken (32 Prozent).

Auf die Frage, wo Europa und die EU häufiger vorkommen sollen, sagen 51 Prozent in den TV-Nachrichtensendungen, 36 Prozent können sich eine eigene Europasendung im Fernsehen vorstellen.

Zufriedenheit mit ORF-Europaberichterstattung

Die beste Bewertung erhält die ORF-Europaberichterstattung im Bereich aktuelle Informationen (2,2). Die Dimensionen interessante und vielfältige Themen (2,5), sachliche und objektive Berichterstattung (2,5), Unterhaltsamkeit (2,7), kritische Berichterstattung (2,7) und vertritt klaren Standpunkt (2,7) werden durchschnittlich beurteilt. Die Beurteilung der ORF-Performance hängt stark mit der generellen Einstellung zur EU zusammen. Befürworter des Beitritts und Personen mit einer positiven EU-Einstellung beurteilen die ORF-Europaberichterstattung gut. Eher unzufrieden mit der ORF-Europaberichterstattung ist die Gruppe der an EU-Berichterstattung Desinteressierten und die Gruppe kritischer EU-Befürworter.

Diskussionsrunde österreichischer Europaparlamentarier

Im Anschluss an die Präsentation der Studienergebnisse stellten österreichische EU-Parlamentarier aus ihrer Sicht dar, welche Herausforderungen für eine europäische Öffentlichkeit sich aus Sicht österreichischer Abgeordneter stellen?

Mag. Othmar Karas (ÖVP) forderte vom ORF mehr Engagement in der Europaberichterstattung:
Europäische Union wäre Innenpolitik. Es gäbe keine Entscheidung, die "Österreich nicht betrifft und in die Österreich nicht eingebunden ist". Dieses Faktum spiegle sich in ORF-Berichterstattung nicht wider. Der ORF als Öffentlich-Rechtlicher sei hier gefragt.

Mag. Jörg Leichtfried (SPÖ) unterstrich die Ausführungen von Othmar Karas. In der Berichterstattung erscheine die EU als monolithischer Block und es würde nicht so differenziert wie etwa die Berichterstattung über Innenpolitik. Eine eigene Europasendung und eine Aufstockung der entsprechenden Ressourcen wäre wünschenswert.

Dr. Hans-Peter Martin (Liste Martin) ergänzte, in der österreichischen Medienberichterstattung mangle es an Differenziertheit. Auftrag des ORF wäre ein kritischerer Umgang mit europäischen Themen. Der ORF müsste hier Vorreiterrolle spielen und auch wenig interessiertes Publikum ansprechen. Er müsste sich von der Vereinfachung, Europa-Kritiker seien Europa-Gegner, verabschieden. Die Berichterstattung müsste in allen Medien stattfinden, eine eigene Sendung sei nicht unbedingt sinnvoll.

Karin Resetarits (Liberale) hielt fest, in Österreich herrsche ein massives Informationsdefizit über Europa, der ORF sei dafür mitverantwortlich. Es wäre aber genau das die Aufgabe Öffentlich-Rechtlicher. Der ORF müsste von kommerziellen Zwängen befreit werden und auf Werbung verzichten, dafür solle er im Gegenzug alle Mittel erhalten, die als Programmentgelt eingehoben werden.

Für Johannes Voggenhuber (Grüne) fehlen dem ORF klare Vorstellungen von Europa, einer politischen Sphäre, die für Österreicherinnen und Österreicher entscheidend wäre. Die Quote dürfe nicht über die Präsenz von Inhalten entscheiden: "Wer nicht informiert ist, kann sich nicht interessieren."

Diskussionsthema "Was soll der ORF mehr für Europa im Programm tun?"

"Was soll der ORF für mehr Europa im Programm tun?" war das Thema, dem sich in einer zweiten Reihe von Impulsreferaten Boris Marte von der Erste Stiftung, ORF-Publikumsrat Ing. Karl Hanzl, Mag. Richard Kühnel, Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich, Mag. Evelyn Regner, Leiterin der Stabsstelle Internationales des ÖGB, und ORF-Generaldirektor Dr. Alexander Wrabetz widmeten.

Mag. Boris Marte von der Erste Stiftung wies darauf hin, dass sich die Information über Europa auch an den neuen Medienplattformen orientieren müsse und eine "neue Sprache" brauche.

Aus Sicht von Ing. Karl Hanzl, Vertreter des Bereichs Volksgruppen im ORF-Publikumsrat, muss der ORF nicht nur über Europa "im Großen", sondern auch über Europa "im Kleinen", die Lebenswelten der Menschen in den Grenzgebieten informieren.

Mag. Richard Kühnel, Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich, sprach sich für eine Verstärkung der Europaberichterstattung aus, ein Stimmungswandel zeichne sich ab. Ein stärkeres Engagement des ORF wäre wünschenswert.

Mag. Evelyn Regner vom ÖGB stellte fest, dass der ORF wesentlicher Vermittler von Wissen über die Europäische Union. Neugieriger und mutiger Journalismus wäre wichtig.

ORF-GD Wrabetz: "Europa ist Kernthema für den ORF"

ORF-Generaldirektor Dr. Alexander Wrabetz bezeichnete das Verhältnis der Europäischen Union zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk als "zwiespältig": Denn einerseits werde der öffentlich-rechtliche Rundfunk auf europäischer Ebene sehr stark reglementiert und im Wettbewerb mit dem kommerziellen Anbietern beschränkt, andererseits gibt es aber keinen verlässlicheren Träger des europäischen Gedankens als die Öffentlich-Rechtlichen. Die Mitgliedsstaaten seien hier gefordert: "Bekennt man sich zu einem starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk, so muss er auch wirtschaftlich lebensfähig sein."

"Der ORF berichtet in allen seinen Medien umfassend und objektiv über europäische Themen." Es sei die "Linie des ORF, Information über Europa auf breiter Basis zu vermitteln. Es geht darum, europäische Themen in massenwirksamen Nachrichtensendungen, eingebettet in ein attraktives Vollprogramm, mit dem man auch junges Publikum erreicht, zu transportieren. Mit einzelnen Spezialsendungen allein ist es nicht getan!"

Weiters sei es wichtig, dass "der ORF nicht die Rolle eines Propagandisten übernehme. Denn skeptisches Publikum ist nur mit sachlicher, objektiver Information zu gewinnen. Unausgewogenheit würde genau das Gegenteil bewirken." 2009 wird der ORF der "Europawahl" und dem Jubiläum "20 Jahre 1989" eigene Programmschwerpunkte widmen.

Rückfragen & Kontakt:

ORF-Büro der Gremien
(01) 87878 - DW 12213
http://publikumsrat.ORF.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | GOK0003