Die meisten Ärzte sind unbestechlich

LEITARTIKEL von Thomas Kramar

Wien (OTS) - Die Versuchung schläft nicht: Es ist für die Pharmaindustrie allzu vorteilhaft, Mediziner an sich zu binden.

Den Leidenden zu helfen: Das ist kein Klischee, sondern das Selbstverständnis der Ärzte. Nicht zuletzt darauf beruht der Respekt, den wir ihnen zollen. Der Manager eines pharmazeutischen Unternehmens hat eine ganz andere Mission: den Gewinn seiner Firma zu maximieren. (Was bisher, glaubt man den Bilanzen, ziemlich gut funktioniert.) Man müsste ein sehr schlichter Exeget der "Invisible Hand"-Theorie Adam Smiths sein, um zu glauben, dass dieses Ziel automatisch mit der Maximierung des Wohlergehens der Patienten einhergeht.

Nein, hier kann und wird es immer wieder Interessenkonflikte geben. Die man lösen muss: Denn die Zusammenarbeit zwischen Pharmaindustrie und Medizin in der Entwicklung von Medikamenten ist nicht nur zu akzeptieren, sondern zu begrüßen. Wir verdanken ihr das imposante (bio-)chemische Arsenal, das - neben dem Sozialsystem und der verbesserten Hygiene - wesentlich dazu beigetragen hat, dass wir länger und gesünder leben als unsere Ahnen. Man stelle sich nur einmal eine Welt ohne Antibiotika vor!

Oder ohne Acetylsalicylsäure. Diese schlichte alte Substanz beschert der Firma, die sie als Aspirin verkauft, einen Jahresumsatz von über 20 Millionen Euro, ein Rückgang ist nicht abzusehen, denn dieses Pulver hilft nicht nur gegen Kopfweh, Kater und Entzündungen, sondern auch bei der Vorbeugung von Herz- und Gefäßkrankheiten, wahrscheinlich sogar von Krebs. All das rezeptfrei. Eine Goldgrube, ein seltener Glücksfall.

Selbst die beste Forschung kann solche Glücksfälle nicht erzwingen; die Nachrüstung des Arsenals ist mühsam und voller Rückschläge; Wunderpillen gibt es nur bei Wunderheilern, und auf die ist kein Verlass. Die meisten Medikamente haben unerwünschte Wirkungen und/oder helfen (wegen genetischer Unterschiede) nicht allen Menschen. Vor allem ist der Einsatzbereich nie selbstverständlich. Ab welchem Blutdruck verschreibt man Hochdruckmedikamente? Wie depressiv muss ein Mensch sein, um Antidepressiva zu nehmen? Oder, ganz banal:
Ab welcher Temperatur soll man Fieber medikamentös senken?

Hier gibt es keine allgemein gültigen Regeln. Hier entscheidet der Patient - der ja sogar die Möglichkeit hat, die (heute gern und zu Unrecht verachtete) "Schulmedizin" zu verweigern und stattdessen auf Homöopathie oder dergleichen zu setzen -, aber vor allem der Arzt. Er hat, wie man unter Agenten sagt, "the licence to prescribe".

Die Pharmaindustrie wäre ihres Geldes Feind, wenn sie nicht versuchte, hier anzusetzen und die Ärzte von ihren Produkten zu überzeugen. Das ist per se nicht unmoralisch, eine Art von "Public Relations" eben. Bei der aber unmoralische Angebote vorkommen: teuer bezahlte Vorträge oder unscharf definierte Konsulentenverträge oder Einladungen als "Gegengeschäfte" für die Durchführung ethisch fragwürdiger Studien oder für die Propagierung von Medikamenten. Hier liegt die Verantwortung bei den Ärzten: Sie müssen diese Angebote unmissverständlich ablehnen.

Viele tun das, das ist ein erfreuliches Ergebnis der verdeckten Recherchen, die Hans Weiss für sein Buch "Korrupte Medizin" unternommen hat. Man wird auch nicht einen Arzt, der eine Probepackung annimmt (und an seine Patienten weitergibt) oder sich von einem Pharmareferenten auf eine Jause einladen lässt, verurteilen. Aber die offenbar systematischen, über Zusammenarbeit in Forschung und Entwicklung weit hinausgehenden Verflechtungen sind sehr bedenklich. Es wird Aufgabe der Ärztekammer sein, hier anständiges Verhalten ihrer Mitglieder durchzusetzen.

Unsaubere "Kooperationen" zwischen Pharmaindustrie und Ärzten sind nicht nur bedenklich bis gesundheitsschädlich, sondern auch teuer -für die Allgemeinheit. Denn sie spielen sich an einer Schnittstelle zwischen weitgehend öffentlichen Institutionen - des Gesundheitswesens - und privaten Firmen ab. An solchen Schnittstellen wird von jeher gerne mitgeschnitten und geschmiert, einfach weil es sich auszahlt.

Das geht zulasten der Krankenkassen: Die haben bisher noch kaum Methoden, die Medikamentenkosten effizient zu drücken. Sie müssten den freien Markt nutzen und die Firmen gegeneinander ausspielen, eine Aut-idem-Vorschrift (Ärzte verschreiben nur den Wirkstoff, nicht das Präparat) würde helfen. Vor allem in den Krankenhäusern fehlt die Kontrolle - durch unabhängige Gremien, die alle Verschreibungen prüfen. In denen Mediziner sitzen, die nicht auf der Pay-List von Pharmafirmen stehen. Es muss sie geben. Es gibt sie.

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