WirtschaftsBlatt-Kommentar: Märchen aus einer anderen Welt - von Alexis Johann

Post und Telekom brauchen keine Beamten mehr

Wien (OTS) - Beamte gehören geschützt. Auch heute noch. Seit Joseph II. dienen die öffentlich Bediensteten nicht mehr dem jeweiligen Herrscher, auch nicht der Politik, sondern dem Staat. Ein kleines, aber sicheres Einkommen soll ihre Unabhängigkeit bewahren. Wer genug zum Leben hat, muss nicht bestochen werden. Auch zu einem modernen Staat gehören Beamte. Die Frage ist, wo es Sinn macht, Beamte einzusetzen?

Denn es ist auch richtig, dass wir samstags Post zugestellt bekommen wollen, dass wir Dienstleistungen rund um die digitale Kommunikation auch bis oder sogar nach 20:00 Uhr erwarten und dass wir nicht nur ausgebildete, sondern top geschulte Mitarbeiter zur Verfügung gestellt bekommen wollen, wenn wir mit Partnern wie Post und Telekom unsere eigenen Produkte vertreiben.

Die Manager der beiden ÖIAG-Töchter stoßen bei ihren Bemühungen auf riesigen Widerstand, die Dienstleistungspalette den Anforderungen des Marktes anzupassen. "Steinzeitmanagement" wirft die Personalvertretung den Bossen vor. Statt neue Produkte auf den Markt zu bringen, wird gekündigt, wo es nur geht.

Zugegeben: Postämter zu schließen verbessert den Service nicht. Höhere Flexibilität, neue Vertriebsmodelle und auch alternative Filialsysteme schon. Wie schwer dieses Unterfangen ist, wurde gestern klar, als Telekom-Chef Boris Nemsic - offenbar aus Frust über den anhaltenden Widerstand - "grausame" Details offenlegte: Die vergoldete Verabschiedung beinhaltet für Beamte den Bezug von 30 Prozent ihres Gehalts - bis zur Pension. In der Arbeitsstiftung beziehen beamtete Mitarbeiter 80 Prozent ihres Gehalts - vier Jahre lang. Es gibt Beratung für jene, die selbstständig werden oder eine neue Karriere starten wollen. Wer das nicht annimmt, kann bei vollen Bezügen zu Hause bleiben. Entlassene Mitarbeiter der Autoindustrie werden an Märchen einer anderen Welt denken.

Es gibt Lösungen zur Flexibilisierung, die in Österreich gut funktioniert haben, etwa bei der Fusion der Busunternehmen von ÖBB und Post. Unter dem Zwang der Marktöffnung wurden rentable mit defizitären Strecken gebündelt. Wer in diesem Segment als Konkurrent auftreten wollte, durfte nicht nur Rosinen picken, sondern musste im Sinne des öffentlichen Interesses auch die Nahversorgung garantieren. Insofern schießt Infrastrukturminister Werner Faymann mit seinem Ad hoc-Verbot für Postamtsschließungen spät eine gute Idee nach. Wenn es mit EU-Regeln vereinbar ist, müssen auch private Anbieter die Last der heimischen Geografie mittragen. Dennoch brauchen Post und Telekom keine Beamte.

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