Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Spekulanten an den Galgen"

Ausgabe vom 19. November 2008

Wien (OTS) - Nicht viele Österreicher dürften sich am Sonntag die übliche ORF-Diskussion sehr lange angetan haben. Ihnen blieben daher die unsäglichen Wirtschafts-"Experten" der Parteien (samt einer kongenialen Jungmitarbeiterin des Wifo mit Attac-Vokabular) erspart. Sowie die vielen Kaskaden künstlicher Empörung über spekulierende Manager. Als ob auch nur ein Greißler oder ein Provinz-Gemeinderat ohne Spekulation arbeiten könnte. Jeder von ihnen muss - trotz des Wissens, dass man sich dabei oft irrt - ununterbrochen mit Annahmen über künftige Preise, Nachfrage, Konjunktur und tausend andere Dinge arbeiten, also spekulieren.

Aber woher sollen das Politiker wissen, die ja an die Geldschaffung per Mehrheitsbeschluss glauben? Und die wohl bald Spekulation ebenso wie Atome, Gene, Hormone gesetzlich verbieten werden.

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Daher sei festgehalten, dass die Bankmanager Kulterer und Elsner nicht wegen Spekulation, sondern wegen Bilanzmanipulation vor Gericht gekommen sind. Dass aber auch die Politik ähnliche Manipulationen betreibt - und zwar ungestraft -, ist ein anderes Kapitel: Sie tut das sogar in viel größerem Umfang. Indem sie Schulden ausgliedert und versteckt. Nur dadurch sind die öffentlichen Haushalte überhaupt noch kreditwürdig.

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Seine politische Kreditwürdigkeit weitgehend verspielt hat 2006 Josef Taus, nämlich durch seine engen Kontakte mit Helmut Elsner. Nach aller Logik müsste dasselbe 2008 Hannes Androsch passieren. Denn der tut nun genau das, was in der Gewerkschafts-Denkwelt die absolute Todsünde "gieriger" Unternehmer ist: Er baut Hunderte Mitarbeiter ab - und transferiert gleichzeitig Maschinen nach Indien. Wird Androsch (so wie der Pleiten-Experte Lauda) dennoch der staunenden Nation von den siamesischen Zwillingen ORF und SPÖ weiterhin ständig als Super-Experte präsentiert werden?

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Weltweit werden Hunderte Milliarden Steuergeld aufgewendet, um die Banken, weil "systemerhaltend", vor einem Crash zu retten. Nun wollen auch notleidende Autofirmen kassieren. Dumme Frage: Welches System erhalten die eigentlich? Offenbar müssen die gesunden Teile der Wirtschaft immer mehr Steuern zahlen, um die kranken (die immer mehr werden) zu retten. Bis auch sie krank sind.

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