"DER STANDARD"-Kommentar: "Geht’s der Wirtschaft schlecht ... ... muss es auch "uns" schlecht gehen - Entweder als Zahler oder als Gekündigte von Leo Szemeliker

Ausgabe vom 19.11.2008

Wien (OTS) - Das Lamento über die "Privatisierung der Gewinne und die Sozialisierung der Verluste" ist zum Allgemeingut geworden. Kein Wunder: Denken doch in guten Zeiten die Unternehmen nicht daran, ihre Gewinne mehr als notwendig mit dem Staat - mit der Allgemeinheit, sprich: mit "uns" - zu teilen. Allerorts hatte ein Wettbewerb um Ansiedelung von Unternehmen eingesetzt. Österreich spielte ganz vorne mit, senkte die Körperschaftssteuer für Aktiengesellschaften und gewährte großzügig steuerschonendes internationales Gegenrechnen von Verlusten für hier ansässige Holdings ("Gruppenbesteuerung"). Alles nur, um die umschwärmten Wirtschaftsbetriebe im Land zu halten, damit sie hier und nicht im billigen Osten ihre segensreiche Tätigkeit der Jobschaffung entfalteten.
Jetzt aber pervertiert sich der Slogan "unseres" Wirtschaftskammerpräsidenten, der in Zeiten der weltweiten Hochkonjunktur auch in Österreich immer so treffend gepasst hatte:
"Geht’s der Wirtschaft schlecht, geht’s uns allen schlecht." Denn wann immer die Wirtschaft schlechte Zeiten durchlebt, wird der Ruf der Bosse und Interessensvertreter nach "uns allen" lauter. Von "unser aller" Budget wird dann gefordert, angeblich ohnehin kerngesunde Banken mit Eigenkapital auszustatten, ihnen die Interbanken-Kredite zu garantieren, weil sie einander nicht mehr trauen (was "wir alle" aber so weit sollen, dass "unser" Budget dafür 85 Milliarden Euro parat haben soll). Dann sichern "wir alle" auch noch selbst unsere Spareinlagen, die wir zuvor den Banken zur Verfügung gestellt haben, auf dass sie damit anständig wirtschaften. Schließlich beginnen nun diverse Industrien, allen voran die Autobauer, von den Staaten in Europa zu fordern, dass wieder einmal "wir alle" mit Bürgschaften und Garantien einspringen, falls die böse Finanzkrise ihren Tribut fordern sollte. Mithilfe von Bürgschaften oder Garantien wird zwar kein einziges Auto zusätzlich verkauft oder ein einziger Tropfen Sprit weniger verbraucht oder ein einziges Gramm CO2 weniger in die Atmosphäre geblasen. Vielmehr gehe es direkt um "uns", weil um die Existenz "unserer" Arbeitsplätze. Denn wenn die Staaten, also wieder "wir", nicht einspringen, dann müssten "unsere" Jobs eben hier ab- und woanders aufgebaut werden.
Wie "wir" es also drehen und wenden, "wir" sind auf jeden Fall dran -entweder als Zahler oder als Gekündigte. Da die Staatsschulden erst "unsere" nächste Generation zurückzahlen muss, entscheiden sich "unsere" Vertreter an der Staatsspitze, "unser" Geld jetzt in die Hand zu nehmen und die Konzerne zu unterstützen - freilich nur unter der Auflage, dass nicht "die da" in Amerika "unsere Betriebe" ausräumen, sondern das Geld "bei uns" bleibt. Quasi, denn im Falle einer erfolgreichen Sanierung werden Gewinne ohnehin wieder erfolgreich dem Staat - erraten: "uns" - vorenthalten werden. Auch das passiert sicher wieder mit dem Argument, dass, sollten "wir" keine Steuerzuckerln gewähren, die Arbeitsplätze weg sein würden. So gut geht es "uns" eigentlich also gar nicht, wenn es "der Wirtschaft" gut geht, denken derzeit viele, deren Reallöhne auch in der Hochkonjunktur 2005 bis 2007 trotz aller Jubelmeldungen aus den Chefetagen überhaupt keine großen Sprünge gemacht haben. Volkswirtschaftlich könnten sich Rettungspakete für Firmen oder Branchen durchaus auch "für uns" rechnen. Was sie jedoch nicht leisten sollten und dürften: "ihre" durch falsche Produktpolitik oder irrwitzige Markteinschätzungen verursachten Verluste in "ihren" nächsten Bilanzen zu kaschieren. "Uns" fehlen später die Mittel für Bildung, Forschung und Lohnsteuerentlastung. "Unsere" Jobs könnten danach - siehe Semperit Reifen in Österreich, Holzmann Bau in Deutschland - trotzdem weg sein.

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