Innovationstreiber Chemie - qualifizierter Nachwuchs gesucht

Forderungen der chemischen Industrie an neue Bundesregierung

Wien (PWK851) - Die nächste Bundesregierung wird sich der Herausforderung stellen müssen, den Innovations- und Wirtschaftstandort Österreich nachhaltig zu sichern. Dass dafür dringender Handlungsbedarf in der Bildungspolitik gegeben ist, belegen internationale Vergleichsdaten: Die OECD mahnt uns wegen der niedrigen Anzahl an Akademikern, die die erfolgreiche Entwicklung der österreichischen Wirtschaft gefährdet. Betroffen davon ist insbesondere auch die chemische Industrie, die auf innovative Nachwuchskräfte angewiesen ist.

Innovationskraft Chemie: Nutzen wir das Potential!

Die chemische Industrie ist mit über 40.000 Beschäftigen und Investitionen von über 480 Mio. Euro in Forschung & Entwicklung ein Schlüsselfaktor für Österreichs Wirtschaft. Durch die steigende Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeitern bietet die chemische Branche außerdem enormes Zukunftspotential für junge Menschen. Dass das Potential da ist und Österreich sich nicht mit jungen Talenten zu verstecken braucht, zeigen die Erfolge heimischer Jungchemiker bei der Chemieolympiade: in Moskau 2007 erreichten alle vier österreichischen Teilnehmer eine Medaille, in Budapest 2008 gingen 4 Silbermedaillen an die Österreicher. Auch zur Sicherung des Innovations- und Forschungsstandorts Österreich muss die Wettbewerbsfähigkeit gesichert werden. Forschung, Technologie und Innovation sind angesichts der mangelnden natürlichen Ressourcen die Bereiche mit dem höchsten Zukunftspotential und Multiplikatoreffekt. Österreich kann daher nur mit einem hohen Grad an Qualifikation, Spezialisierung und Innovation sowie auf Basis eines hervorragenden Bildungssystems überleben.

Akademikermangel gefährdet chemische Industrie

Seit dem Jahr 2000 schließen in Österreich pro Jahr nur durchschnittlich 200 Studierende ein chemierelevantes Studium ab -Tendenz rückläufig. Die Abbruchquote liegt bei bis zu 70 Prozent. Die internationale Vergleichsstudie der OECD "Bildung auf einen Blick" zeigt auf, dass es Österreich an Akademikern speziell in diesem Fachbereich fehlt. Dieser Trend gefährdet die heimische chemische Industrie, denn die Firmen brauchen gut ausgebildete Absolventen.

Lücke bei Hochqualifizierten

Die chemische Industrie muss sich daher zunehmend mit dem Thema "Mitarbeiterrekrutierung" auseinandersetzen. Spätestens im nächsten Jahrzehnt ist ein Arbeitskräftemangel zu erwarten. Die aktuelle Studie "Humanressourcen in Österreich" im Auftrag des Rats für Forschung und Technologieentwicklung (2008) besagt, dass ab dem Jahr 2010 mit einer Technikerlücke von rund 1000 Personen zu rechnen ist. Der Hintergrund liegt in der steigenden Bedeutung von Berufen mit höheren Qualifikationsvoraussetzungen. Sowohl in der Forschung als auch in der Industrie verschiebt sich die Berufsstruktur hin zu höher qualifizierten Tätigkeiten. Besonders betroffen davon ist die Gruppe der Naturwissenschaftler (Chemiker, Physiker, Mathematiker, Statistiker, Informatiker). In dieser Berufsgruppe zeigt sich ein jährliches Wachstum von 4,7 Prozent (12.800 Personen) in den Jahren 2004 bis 2010. Die Anzahl der Personen, die sich im tertiären Ausbildungssegment befinden, ist zu gering, um diesen Bedarf zu decken.

Steigender internationaler Wettbewerb

Zu dem zu erwartenden Fachkräftemangel kommt eine steigende internationale Konkurrenz, vor allem durch China und Indien, die seit langem auf Investitionen und Innovation setzen. Die Anzahl an gut ausgebildeten Fachkräften steigt dort stetig, der Stellenwert der Naturwissenschaften ist generell sehr hoch. Niedrige Arbeitskosten und Rohstoffreichtum verschaffen diesen Ländern außerdem eine günstige Ausgangslage im globalen Wettbewerb.

Grundstein Schule: Österreich fällt zurück

Für den Standort Österreich als Innovations- und Forschungsland ist die Sicherstellung des qualifizierten Nachwuchses daher wichtiger denn je. Nachwuchskräfte fallen jedoch nicht vom Himmel. Bereits in der Grundschule sollten junge Menschen für die Chemie begeistert und Begabte gefördert werden. Nur so kann der qualifizierte Nachwuchs sichergestellt werden. Internationale Vergleichsstudien wie PISA stellen Österreich allerdings ein schlechtes Zeugnis aus: im Bereich der Naturwissenschaften gibt es 16 Prozent Risikoschüler - das heißt, dass jeder sechste österreichische Schüler gegen Ende der Pflichtschulzeit große Mängel im naturwissenschaftlichen Wissen zeigt. Was die Motivation für die entsprechenden Unterrichtsfächer betrifft, stellt Österreich das Schlusslicht.

Ursache: Kürzungen beim Chemieunterricht

Angesichts der in den letzten Jahren vollzogenen Stundenkürzungen beim Chemieunterricht dürfen die Ergebnisse von PISA nicht sonderlich verwundern: In den ersten vier Jahren Unterstufe wurde der Chemieunterricht sukzessive auf zwei Wochenstunden reduziert. Abgesehen von dem volkswirtschaftlichen Schäden, macht es dieser zeitliche Rahmen unmöglich, sich mit der Faszination Chemie auseinanderzusetzen, Neugierde und Interesse zu wecken und zu entwickeln sowie sich ein Grundwissen anzueignen. Zu diesem Zeitdruck kommen die mangelnde Ausstattung an Schulen, der fehlende praxisnahe Experimentalunterricht in Kleingruppen und die unzureichende Begabtenförderung. Der Chemieunterricht von morgen braucht daher dringend neue Akzente: die Erhöhung der Anzahl an Unterrichtsstunden in der Sekundarstufe I, mehr Chemie als lebende und erlebte Materie im Rahmen des Sachunterrichts in den Volksschulen, eine adäquate Lehrerausbildung, die sich mehr an einem praxisnahen Unterrichtskonzept orientiert sowie eine angemessene Ausstattung der Schulen.

Forderungen der chemischen Industrie

1. Optimierung der Forschungsförderung

Will der österreichische Industriestandort (kleiner Inlandsmarkt, relativ wenige Konzernzentralen) wettbewerbsfähig bleiben, müssen besonders gute Rahmenbedingungen für Innovation und Forschung geschaffen werden. Ein optimales, den großen Ländern überlegenes Forschungsfördersystem kann die Startvorteile anderer Länder mit größeren Märkten kompensieren. Aus Sicht der chemischen Industrie ist klar, dass sowohl die indirekte, steuerrechtliche Forschungsförderung als auch die direkte, projektgebundene Forschungsförderung ein wichtiges Anreizsystem für die forschende Industrie darstellen und beibehalten werden müssen.

Zu den wichtigsten Maßnahmen gehören:

- Erhöhung der Forschungsquote von derzeit 2,54 % auf mindestens 3%

- Erhöhung der Forschungsprämie von derzeit 8 % auf 12 %

- Erhöhung des Forschungsfreibetrages NEU von 25% auf 35%

- Erhöhung des Förderbudgets der FFG um 50 %

2. Neue Akzente für den Chemieunterricht

Der Grundstein für ein Interesse an der Chemie muss bereits in der Schule gelegt werden. Der Chemieunterricht bietet die Chance, möglichst viele junge Menschen für die Chemie zu begeistern und damit den qualifizierten Nachwuchs sicher zu stellen. Gefragt sind entdeckendes Lernen und Experimente.

Zu den wichtigsten Maßnahmen gehören:

- Förderung der Chemie als lebende und erlebte Materie bereits in der Volksschule

- "Fachgegenstand Naturwissenschaft" in der 1. und 2. Klasse der Sekundarstufe I mit 3 Wochenstunden Naturwissenschaften (Biologie, Chemie, Physik) - davon 1 Stunde als Übungs- und Experimentierstunde (2 Stunden Unterricht und 1 Stunde für Übungen, d.h. geteilt)

- In der 3. und 4. Klasse der Sekundarstufe I: spezielle Naturwissenschaften (2 Wochenstunden Biologie, 2 Wochenstunden Chemie, 2 Wochenstunden Physik)

- Sowohl in der dritten als auch in der vierten Klasse sollte in jedem Gegenstand die Möglichkeit gegeben sein, Experimente mit einer geteilten Gruppe (Klasse) durchführen zu können.

- Adäquate, zu diesem Unterrichtskonzept passende Lehrerausbildung

- Einführung eines Moduls Naturwissenschaften bei der Ausbildung von Volksschullehrern

- Stärkere Betonung der Lehrerfortbildung

- Bessere Ausstattung der Schulen
(us)

Rückfragen & Kontakt:

Wirtschaftskammer Österreich
Fachverband der chemischen Industrie
Dr. Johann Pummer
Tel.: (++43) 0590 900-3372
Fax: (++43) 0590 900-280
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