Politologe Leser für kritische Erinnerung an den 12. November 1918

Beispiel der Ersten Republik lehre, dass jeder Staat zum Untergang verurteilt sei, dessen Bevölkerung nicht ein Minimum an Konsens aufweist

Wien, 11.11.08 (KAP) Der Wiener Politikwissenschafter Norbert Leser hat sich für eine kritische Erinnerung an den 90. Jahrestag der Ausrufung der Ersten Republik ausgesprochen. Der 12. November 1918 sei damals als "Pflichtübung" von der Staatsspitze gefeiert worden. Weite Kreise der Bevölkerung hätten die Ausrufung der Republik jedoch auch beweint, urteilte Leser am Montagabend bei einem Vortrag, zu dem der Katholische Akademikerverband in das Wiener Otto-Mauer-Zentrum eingeladen hatte. "Das Beispiel der Ersten Republik lehrt, dass jeder Staat auf die Dauer zum Untergang verurteilt ist, dessen Bevölkerung nicht ein Minimum an Konsens aufweist, sondern von Anfang an innerlich geteilt ist", sagte Leser.

"Deutschösterreich", wie die Erste Republik bei ihrer Proklamation genannt wurde, hätte von Beginn an ein Identitätsproblem gehabt, so Leser. Zuvor habe sich die Bevölkerung mit dem Kaiserhaus identifiziert, das Selbstverständnis der Nachfolgestaaten des Habsburgerreichs sei aber national gewesen. Dementsprechend sei die Konstituierung der Ersten Republik nicht "von langer Hand geplant", sondern "eher ein Reflex auf die nationalen Bewegungen der Völker Europa" gewesen, argumentierte der Politologe.

Auf die Frage des nationalen Charakters der Republik habe man damals - offenbar auch aus einem Minderwertigkeitsgefühl heraus - nur mit dem Prädikat "deutsch" zu antworten gewusst, sagte Leser unter Hinweis auf die Staatsbezeichnung der Ersten Republik als "Deutschösterreich". "Hinzu kam der Eindruck, auch wirtschaftlich nicht überleben zu können", unterstrich der Politologe. Politiker wie der erste Staatskanzler Karl Renner hätten sich aus strategischen und nicht aus ideologischen Gründen am Deutschen Reich orientiert.

Die Sozialdemokraten seien als Schöpfer der Republik in das Geschichtsbewusstsein eingegangen, obwohl auch sozialdemokratische Politiker wie Renner ähnliche Lösungsansätze zur Nationalitätenfrage verfolgt hätten wie Kaiser Karl und bis zuletzt um die Erhaltung des größeren Österreich gekämpft hätten. 1918 in Wien könne nicht als klassische Revolution verstanden werden. So hätten gerade Sozialdemokraten verhindert, dass es zur Ausrufung einer Räterepublik durch Rotgardisten kam.

Für das christlich-soziale Kleinbürgertum sei die Erste Republik eine "Republik der Schande" gewesen und der 12. November "ein schwarzer Tag", meinte der Politikwissenschaftler.

Die Kirche und die Erste Republik

In seinem Vortrag ging Leser auch auf das Verhältnis von Staat und Kirche während der Ersten Republik ein. Mit Prälat Ignaz Seipel sei die Politik "in priesterliches Gewand gekleidet" worden. "Eine Situation, die selbst in der Monarchie nicht denkbar gewesen wäre", so der Politikwissenschafter. Grund für die Verflechtung von Politik und Kirche in der Ersten Republik seien die lange Verbindung zwischen dem Haus Habsburg und der katholischen Kirche gewesen. "Nach 1918 löste sich die Allianz von Thron und Altar auf. Die Kirche wandte sich der christlich-sozialen Partei zu und nutzte die neuen demokratischen Verhältnisse, um direkt mit der politischen Macht in Berührung zu kommen", sagte Leser. (ende)
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