- 11.11.2008, 13:40:01
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Bauernvertretung fordert Ende der Milchpreis-Schleuderei im Handel
Höchste Qualität und strengste Standards zum Billigpreis nicht möglich
Wien (AIZ) - "Wir befinden uns in einer sehr ernsten Situation" -
mit diesen Worten forderten heute Gerhard Wlodkowski, Präsident der
Landwirtschaftskammer Österreich, und Bauernbund-Präsident Fritz
Grillitsch eine Beendigung der drastischen Preissenkungen bei
Milchprodukten im Handel. Wie berichtet hat der Diskonter Hofer
gestern bei zahlreichen Molkereiprodukten den Anfang gemacht, andere
Handelsketten folgen noch diese Woche. "Wir wollen dem
Lebensmittelhandel und den Konsumenten unmissverständlich klarmachen,
dass höchste Qualität und strengste Produktionsstandards zum
Billigpreis nicht möglich sind. Sollte der Preisdruck weitergehen und
die Erzeugerpreise weiter sinken, so sind nicht nur zahlreiche
Milchbauern gefährdet, sondern auch Arbeitsplätze im vor- und
nachgelagerten Bereich", warnten die beiden Bauernvertreter. Sie
sprachen sich gegen weitere Erhöhungen der EU-Milchquoten aus und
forderten gleichzeitig ein Milchpaket, das eine Reihe von Maßnahmen
(Transportkostenausgleich, Milchkuhprämie) enthält sowie auf
nationaler Ebene eine Investitionsoffensive.
Kritik an hohen Lebensmittelpreisen geht an Realität vorbei
Die seit Monaten getrommelte Kritik der Arbeiterkammer an den
angeblich hohen Lebensmittelpreisen in Österreich gehe an den Fakten
vorbei, denn der Liter Milch koste heute im Geschäft nicht mehr als
im Jahr 1980, also vor 28 Jahren. Dennoch zeige diese Kampagne
mittlerweile ihre ruinöse Auswirkung. Der Lebensmittelhandel habe
seine Preise für Milchprodukte um bis zu 20% gesenkt, wodurch heute
den Milchbauern nicht mehr bleibe als im Jahr 2005, stellte
Wlodkowski fest. Hier werde "Klassenkampf auf dem Rücken der Bauern"
betrieben, zeigte sich Grillitsch empört. Dem Einkommensminus bei den
Bauern stünden hohe zweistellige Preissteigerungen bei Treibstoffen
und Energie, eine Verdopplung der Kosten für Düngemittel und der
exorbitante Anstieg der sonstigen Vorkosten gegenüber. Die
Einkommenssituation verschlechtere sich dadurch dramatisch.
Preisvergleich mit Deutschland hinkt gewaltig
Wer Preise von Milchprodukten aus Österreich und anderen
EU-Mitgliedstaaten, speziell Deutschland, vergleiche, handle wider
besseres Wissen, denn dieser Vergleich hinke gewaltig, kritisierten
die beiden Bauernvertreter. Der durchschnittliche norddeutsche,
ostdeutsche, niederländische oder dänische Milchbetrieb sei zehnmal
so groß wie der österreichische. Außerdem sei es unfair, ein
durchschnittliches österreichisches Produkt wie Trinkmilch, Joghurt
oder Butter mit den billigsten Preisen in Deutschland zu vergleichen.
"Unsere Milchprodukte weisen einen großen Zusatznutzen und damit
einen Mehrwert auf. Kein anderes industrialisiertes Land auf der Welt
hat einen so hohen Anteil an Biomilch wie Österreich. Jährlich werden
mehr als 400.000 t Milch auf biologisch wirtschaftenden Höfen
erzeugt, das sind 17% der Produktion. Mehr als 80% der
Milchproduktion kommen bei uns von Höfen im benachteiligten und im
Berggebiet. 80% unserer Milch werden in GVO-Freiheitsprogrammen
erzeugt. Das alles bewirkt höhere Erzeugungskosten, die zu einem
guten Teil nicht über Förderungen abgedeckt werden. Außerdem haben
unsere Molkereien wegen der ungünstigeren Geographie unseres Landes
höhere Produktionskosten und die Ladendichte sowie der Service im
Verkauf sind höher. Das alles wird bei solchen Preisvergleichen mit
Deutschland verschwiegen", kritisierte Wlodkowski.
Starke Erzeugerpreisrückgänge seit September
Seit Monaten seien die Erzeugerpreise in Österreich wieder
rückläufig. Jüngst habe ein österreichischer Milchverarbeiter die
Preise sogar auf 30,99 Cent/kg Milch (netto, mit 3,7% Fett und 3,4%
Eiweiß) gesenkt, die Mehrzahl der heimischen Molkereien bewege sich
auf einem Niveau von 31 bis 34 Cent/kg. Seit September 2008
verzeichne man in vielen Molkereien Preisrückgänge zwischen 5 und 7
Cent/kg Milch, damit sei man in Österreich bei etwa gleich hohen
Milchpreisen angelangt wie im süddeutschen Raum. Mittlerweile werde
das niedrigere Ausgangsniveau von Juni bis November 2007
unterschritten, also bevor die europäischen Milchpreise und die
Weltmarktnotierungen zu einem Höhenflug ansetzten, gab der
LK-Präsident zu bedenken. Gleichzeitig seien aber die
Produktionskosten (Energie, Dünger, Futtermittel usw.) enorm
gestiegen.
Milch ist Inflationsbremse
"In dieser schwierigen Situation für die Bauern lässt der
Lebensmittelhandel plötzlich seine Handschlagqualität vermissen.
Anstatt den Konsumenten die Vorteile der heimischen Qualitätsprodukte
- also den Österreich-Bonus - bewusst zu machen, führen die
Handelsketten drastische Preissenkungen bei vielen Molkereiprodukten
durch", zeigte sich Grillitsch empört. Dabei sei Milch ohnehin
inzwischen wieder zur Inflationsbremse geworden: Im September 2008
sei Vollmilch bereits um 2,5% billiger als im Vorjahresmonat gewesen.
"Mit den Preissenkungen von dieser Woche im Ausmaß von 10 Cent pro
Liter Milch wird diese wieder deutlich billiger als vor den
Preissteigerungen im Vorjahr", hielt der Bauernbund-Präsident fest.
Und als ob dies nicht schon schlimm genug sei, kämen jetzt
zusätzlich billige Milchprodukte aus dem Ausland in den Handel. Dass
dabei auch die Konsumenten in die Irre geführt werden, zeige das
Beispiel der deutschen Butter der Marke "Weidestern". Ob die Kühe,
von denen die Milch für diese Butter stammt, jemals eine Weide
gesehen haben, spiele nämlich keine Rolle. Hauptsache sie sei billig
- so billig, dass sie sogar die Tiefpreise der eigenen Handelsmarken
unterbieten.
Bauern-Appell an Lebensmittelhandel und Molkereien
"Wir appellieren an die heimischen Handelskonzerne, diese ruinöse
Preisschleuderei zu beenden und ihre Versprechen in Richtung Vorrang
für österreichische Ware ernst zu nehmen. Den Schaden hat nämlich
letztlich der Konsument, wenn die Billigpreispolitik mittelfristig
eine heimische Qualitätsproduktion unmöglich macht und außerdem
Arbeitsplätze sowie Wertschöpfung im ländlichen Raum zerstört
werden", betonten Wlodkowski und Grillitsch. Der Handel müsse sich
überlegen, ob er höchste heimische Qualitätsstandards erhalten oder
indirekt Massentierhaltung importieren wolle. Darüber hinaus seien
auch die Molkereien aufgerufen, verstärkt Synergien zu nutzen und im
eigenen Bereich die Kostenstrukturen so zu straffen, dass Druck vom
Bauernmilchpreis genommen werden könne.
Milchproduktion auf EU-Ebene stabilisieren
Auf EU-Ebene sei es nun dringend notwendig, die Milchproduktion zu
stabilisieren und nicht weiter anzuheben, unterstrichen die
Bauernvertreter. Von guten Preisen könne nämlich mittlerweile keine
Rede mehr sein. Der von der Kommission vorhergesagte steigende
Milchverbrauch sei in den letzten Monaten EU-weit bereits deutlich
rückläufig. Auch für die nächsten Jahre werde das wirtschaftliche
Umfeld am Markt mehr als schwierig sein.
"Ende November sollen gemäß den Vorschlägen der Kommission die
Milchquoten jährlich weiter erhöht werden, obwohl schon jetzt mit
Recht befürchtet wird, dass der EU-Milchmarkt diese Radikalkur nicht
vertragen wird. Daher muss jedenfalls ein paar Jahre vor 2014/15 eine
grundlegende unabhängige Neubewertung des Marktes und seiner
Entwicklungschancen erfolgen, bevor einer totalen Liberalisierung das
Wort geredet wird", verlangte Wlodkowski. Es seien weiterhin klare
Regeln für den Milchmarkt mit einer Weiterführung von Intervention
und Exporterstattungen notwendig, um die Existenz der Milchbauern zu
sichern. "Außerdem ist die EU aufgefordert, umgehend gemeinsam mit
den Unternehmen eine Marktoffensive in Asien zu starten, denn dort
sind die Märkte für Milchprodukte laut Studien nach wie vor
aufnahmefähig", ergänzte Grillitsch.
Darüber hinaus müsse ein umfassendes Milchpaket geschnürt werden.
Dieses sollte eine Reihe von Maßnahmen, wie etwa eine Milchkuhprämie,
einen Transportkostenausgleich oder eine Weideprämie enthalten. Auf
nationaler Ebene wäre zudem eine Investitionsoffensive
(beispielsweise durch Erhöhung der AIK-Mittel) notwendig, um damit
die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Milchviehbetriebe zu stärken.
Vonseiten der LK Ö werden laut Wlodkowski in den kommenden Tagen
weitere Gespräche mit dem Handel über die Preissituation geführt,
auch mit der Arbeitnehmerseite gab es auf Sozialpartnerebene
entsprechende Unterredungen, in denen die Kammer ihre Besorgnis
bezüglich der Erzeugerpreise zum Ausdruck brachte. Nachdem sich die
IG Milch in einem Brief an die LK Ö gewendet hat, um Maßnahmen zur
Entlastung des Milchmarktes zu diskutieren, werde auch mit dieser
Gruppe konstruktiv gesprochen, man sei hier "nicht sehr weit
auseinander", so Wlodkowski.
(Schluss) kam
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