Bauernvertretung fordert Ende der Milchpreis-Schleuderei im Handel

Höchste Qualität und strengste Standards zum Billigpreis nicht möglich

Wien (AIZ) - "Wir befinden uns in einer sehr ernsten Situation" -mit diesen Worten forderten heute Gerhard Wlodkowski, Präsident der Landwirtschaftskammer Österreich, und Bauernbund-Präsident Fritz Grillitsch eine Beendigung der drastischen Preissenkungen bei Milchprodukten im Handel. Wie berichtet hat der Diskonter Hofer gestern bei zahlreichen Molkereiprodukten den Anfang gemacht, andere Handelsketten folgen noch diese Woche. "Wir wollen dem Lebensmittelhandel und den Konsumenten unmissverständlich klarmachen, dass höchste Qualität und strengste Produktionsstandards zum Billigpreis nicht möglich sind. Sollte der Preisdruck weitergehen und die Erzeugerpreise weiter sinken, so sind nicht nur zahlreiche Milchbauern gefährdet, sondern auch Arbeitsplätze im vor- und nachgelagerten Bereich", warnten die beiden Bauernvertreter. Sie sprachen sich gegen weitere Erhöhungen der EU-Milchquoten aus und forderten gleichzeitig ein Milchpaket, das eine Reihe von Maßnahmen (Transportkostenausgleich, Milchkuhprämie) enthält sowie auf nationaler Ebene eine Investitionsoffensive.

Kritik an hohen Lebensmittelpreisen geht an Realität vorbei

Die seit Monaten getrommelte Kritik der Arbeiterkammer an den angeblich hohen Lebensmittelpreisen in Österreich gehe an den Fakten vorbei, denn der Liter Milch koste heute im Geschäft nicht mehr als im Jahr 1980, also vor 28 Jahren. Dennoch zeige diese Kampagne mittlerweile ihre ruinöse Auswirkung. Der Lebensmittelhandel habe seine Preise für Milchprodukte um bis zu 20% gesenkt, wodurch heute den Milchbauern nicht mehr bleibe als im Jahr 2005, stellte Wlodkowski fest. Hier werde "Klassenkampf auf dem Rücken der Bauern" betrieben, zeigte sich Grillitsch empört. Dem Einkommensminus bei den Bauern stünden hohe zweistellige Preissteigerungen bei Treibstoffen und Energie, eine Verdopplung der Kosten für Düngemittel und der exorbitante Anstieg der sonstigen Vorkosten gegenüber. Die Einkommenssituation verschlechtere sich dadurch dramatisch.

Preisvergleich mit Deutschland hinkt gewaltig

Wer Preise von Milchprodukten aus Österreich und anderen EU-Mitgliedstaaten, speziell Deutschland, vergleiche, handle wider besseres Wissen, denn dieser Vergleich hinke gewaltig, kritisierten die beiden Bauernvertreter. Der durchschnittliche norddeutsche, ostdeutsche, niederländische oder dänische Milchbetrieb sei zehnmal so groß wie der österreichische. Außerdem sei es unfair, ein durchschnittliches österreichisches Produkt wie Trinkmilch, Joghurt oder Butter mit den billigsten Preisen in Deutschland zu vergleichen.

"Unsere Milchprodukte weisen einen großen Zusatznutzen und damit einen Mehrwert auf. Kein anderes industrialisiertes Land auf der Welt hat einen so hohen Anteil an Biomilch wie Österreich. Jährlich werden mehr als 400.000 t Milch auf biologisch wirtschaftenden Höfen erzeugt, das sind 17% der Produktion. Mehr als 80% der Milchproduktion kommen bei uns von Höfen im benachteiligten und im Berggebiet. 80% unserer Milch werden in GVO-Freiheitsprogrammen erzeugt. Das alles bewirkt höhere Erzeugungskosten, die zu einem guten Teil nicht über Förderungen abgedeckt werden. Außerdem haben unsere Molkereien wegen der ungünstigeren Geographie unseres Landes höhere Produktionskosten und die Ladendichte sowie der Service im Verkauf sind höher. Das alles wird bei solchen Preisvergleichen mit Deutschland verschwiegen", kritisierte Wlodkowski.

Starke Erzeugerpreisrückgänge seit September

Seit Monaten seien die Erzeugerpreise in Österreich wieder rückläufig. Jüngst habe ein österreichischer Milchverarbeiter die Preise sogar auf 30,99 Cent/kg Milch (netto, mit 3,7% Fett und 3,4% Eiweiß) gesenkt, die Mehrzahl der heimischen Molkereien bewege sich auf einem Niveau von 31 bis 34 Cent/kg. Seit September 2008 verzeichne man in vielen Molkereien Preisrückgänge zwischen 5 und 7 Cent/kg Milch, damit sei man in Österreich bei etwa gleich hohen Milchpreisen angelangt wie im süddeutschen Raum. Mittlerweile werde das niedrigere Ausgangsniveau von Juni bis November 2007 unterschritten, also bevor die europäischen Milchpreise und die Weltmarktnotierungen zu einem Höhenflug ansetzten, gab der LK-Präsident zu bedenken. Gleichzeitig seien aber die Produktionskosten (Energie, Dünger, Futtermittel usw.) enorm gestiegen.

Milch ist Inflationsbremse

"In dieser schwierigen Situation für die Bauern lässt der Lebensmittelhandel plötzlich seine Handschlagqualität vermissen. Anstatt den Konsumenten die Vorteile der heimischen Qualitätsprodukte - also den Österreich-Bonus - bewusst zu machen, führen die Handelsketten drastische Preissenkungen bei vielen Molkereiprodukten durch", zeigte sich Grillitsch empört. Dabei sei Milch ohnehin inzwischen wieder zur Inflationsbremse geworden: Im September 2008 sei Vollmilch bereits um 2,5% billiger als im Vorjahresmonat gewesen. "Mit den Preissenkungen von dieser Woche im Ausmaß von 10 Cent pro Liter Milch wird diese wieder deutlich billiger als vor den Preissteigerungen im Vorjahr", hielt der Bauernbund-Präsident fest.

Und als ob dies nicht schon schlimm genug sei, kämen jetzt zusätzlich billige Milchprodukte aus dem Ausland in den Handel. Dass dabei auch die Konsumenten in die Irre geführt werden, zeige das Beispiel der deutschen Butter der Marke "Weidestern". Ob die Kühe, von denen die Milch für diese Butter stammt, jemals eine Weide gesehen haben, spiele nämlich keine Rolle. Hauptsache sie sei billig - so billig, dass sie sogar die Tiefpreise der eigenen Handelsmarken unterbieten.

Bauern-Appell an Lebensmittelhandel und Molkereien

"Wir appellieren an die heimischen Handelskonzerne, diese ruinöse Preisschleuderei zu beenden und ihre Versprechen in Richtung Vorrang für österreichische Ware ernst zu nehmen. Den Schaden hat nämlich letztlich der Konsument, wenn die Billigpreispolitik mittelfristig eine heimische Qualitätsproduktion unmöglich macht und außerdem Arbeitsplätze sowie Wertschöpfung im ländlichen Raum zerstört werden", betonten Wlodkowski und Grillitsch. Der Handel müsse sich überlegen, ob er höchste heimische Qualitätsstandards erhalten oder indirekt Massentierhaltung importieren wolle. Darüber hinaus seien auch die Molkereien aufgerufen, verstärkt Synergien zu nutzen und im eigenen Bereich die Kostenstrukturen so zu straffen, dass Druck vom Bauernmilchpreis genommen werden könne.

Milchproduktion auf EU-Ebene stabilisieren

Auf EU-Ebene sei es nun dringend notwendig, die Milchproduktion zu stabilisieren und nicht weiter anzuheben, unterstrichen die Bauernvertreter. Von guten Preisen könne nämlich mittlerweile keine Rede mehr sein. Der von der Kommission vorhergesagte steigende Milchverbrauch sei in den letzten Monaten EU-weit bereits deutlich rückläufig. Auch für die nächsten Jahre werde das wirtschaftliche Umfeld am Markt mehr als schwierig sein.

"Ende November sollen gemäß den Vorschlägen der Kommission die Milchquoten jährlich weiter erhöht werden, obwohl schon jetzt mit Recht befürchtet wird, dass der EU-Milchmarkt diese Radikalkur nicht vertragen wird. Daher muss jedenfalls ein paar Jahre vor 2014/15 eine grundlegende unabhängige Neubewertung des Marktes und seiner Entwicklungschancen erfolgen, bevor einer totalen Liberalisierung das Wort geredet wird", verlangte Wlodkowski. Es seien weiterhin klare Regeln für den Milchmarkt mit einer Weiterführung von Intervention und Exporterstattungen notwendig, um die Existenz der Milchbauern zu sichern. "Außerdem ist die EU aufgefordert, umgehend gemeinsam mit den Unternehmen eine Marktoffensive in Asien zu starten, denn dort sind die Märkte für Milchprodukte laut Studien nach wie vor aufnahmefähig", ergänzte Grillitsch.

Darüber hinaus müsse ein umfassendes Milchpaket geschnürt werden. Dieses sollte eine Reihe von Maßnahmen, wie etwa eine Milchkuhprämie, einen Transportkostenausgleich oder eine Weideprämie enthalten. Auf nationaler Ebene wäre zudem eine Investitionsoffensive (beispielsweise durch Erhöhung der AIK-Mittel) notwendig, um damit die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Milchviehbetriebe zu stärken.

Vonseiten der LK Ö werden laut Wlodkowski in den kommenden Tagen weitere Gespräche mit dem Handel über die Preissituation geführt, auch mit der Arbeitnehmerseite gab es auf Sozialpartnerebene entsprechende Unterredungen, in denen die Kammer ihre Besorgnis bezüglich der Erzeugerpreise zum Ausdruck brachte. Nachdem sich die IG Milch in einem Brief an die LK Ö gewendet hat, um Maßnahmen zur Entlastung des Milchmarktes zu diskutieren, werde auch mit dieser Gruppe konstruktiv gesprochen, man sei hier "nicht sehr weit auseinander", so Wlodkowski.
(Schluss) kam

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