Neues Buch über den Vielschreiber Adolf Loos

Wien (OTS) - Fast zwanzig Beiträge zu unterschiedlichen, teils
eher unbekannten Aspekten von Adolf Loos Leben sind kürzlich unter dem Titel "Leben mit Loos" im Böhlau Verlag erschienen. Basierend auf einem gleichnamigen Symposium vor zwei Jahren, welches jetzt also auch in schriftlicher Form vorliegt, geht es in dem Sammelband weniger um den Architekten Loos, als vielmehr um den Ratgeber Loos. Auch wenn die Empfehlungen Loos nicht so freundlich wie in der bekannten Radio-Sendung "Trost und Rat" daherkommen, ist es den beiden Herausgeber Inge Podbrecky und Rainald Franz dennoch gut geglückt, den teilweise absurd breit anmutende Empfehlungs-Bauchladen von Loos einem vor Augen zu führen. Die bekannten Streitigkeiten mit Proponenten der Wiener Secession und den Wiener Werkstätten, fokussiert in der Person Josef Hoffmann, der die scharfen, pointierten, teils auch sehr verletzenden Essays und Kurzanmerkungen von Adolf Loos stellvertretend für die Ornament-Gruppierung über sich ergehen lassen musste, kommen natürlich vor. Interessante Details konnte die Musikwissenschaftlerin Susana Zapke über die erstaunlich enge (Brief)Freundschaft zwischen Loos und Arnold Schönberg herausarbeiten. Auch Schönberg war an modernem Design und gutem Handwerk interessiert. Entwürfe über rollende Tische, Sofas, aber auch skurril anmutende Entwürfe für eine Notenschreibmaschine der 12-Ton-Musik wie auch für eine Umsteigekarte für die Wiener Linien belegen dies. Zur Musikbeziehung von Loos gehört freilich auch erwähnt, dass er relativ taub war und Konzerte immer mit einem Hörgerät besuchte. Ein nettes Detail: Als es 1912 bei der Aufführung des 2. Streichquartetts von Schönberg zu einem Eklat mit Schlägereien kommt, soll sich Loos wohl als einziger vernehmlich für das Stück bedankt haben.

Pädophilen-Prozess um Loos

Einen der bemerkenswertesten Beiträge liefert die im Wiener Stadt- und Landesarchiv tätige Literaturwissenschaftlerin Klaralinda Ma ab. "Der Fall Loos" erinnert an den 1928 geführten Prozess gegen Loos aufgrund des Verdachts des Kindermissbrauches. Ihm wurde aufgrund einer Anzeige der Eltern vorgeworfen, drei Mädchen im Alter von acht und zehn Jahren unsittlich berührt zu haben. Bei einer Hausdurchsuchung fand die Polizei einen großen Bildersatz an pornografischen Fotos, darunter auch Kinder. Schlussendlich wurde er im Dezember 1928 vom Vorwurf der Schändung und der Verleitung zur Unzucht freigesprochen, gleichzeitig aber auch verurteilt wegen Verführung zur Aufsicht anvertrauter Personen. Der Pädophilen-Verdacht mündete in späterer Folge zu einem heiß geführten medialen Schlagabtausch, den Ma gründlich dokumentiert. Positiv, weil neuere Forschung betonend, sind auch Mas Ausführungen zu Neubefragung des "süßen Mädels", inklusive knabenhaftes Pendant, bei diversen Fin de Siecle-Autoren hinsichtlich der darin enthaltenen, teilweise auch sehr realen pädophilen Bezüge. Dass der Verlag diesen Aspekt bei der Zusammenfassung auf der Rückseite des Buches unter den Tisch fallen lässt, bleibt bedauerlich.

Trotz Magengeschwüre Gourmet mit französischer Vorliebe

Dass Loos sich keineswegs nur zu Architektur, sondern konstant und engagiert auch zu Themen des Alltags äußerte, ist sattsam bekannt. Insbesondere die Wiener Küche, und hier wiederum die mannigfaltigen Knödelzubereitungen, erregten konsequent den Einspruch von Loos, der selbst sein Leben lang an Magengeschwüren gelitten haben soll. Seine selbst erfundene Diät, Schinken mit Obers, dürfte medizinisch gesehen, nicht unbedingt zur Gesundung beigetragen haben.

Gesamtausgabe lässt weiterhin auf sich warten

Weitere Beiträge beschäftigen sich mit der Mode, über die sich Loos ebenso klar und eindeutig äußerte, wie es Wissenswertes über Loos Vorliebe für Bars und Nachtlokale nachzulesen gibt. Seine Tätigkeit für die Siedlerbewegung beleuchtet Inge Podbrecky, der Niederländer Andreas V. Munch, der mit einer vielgelobten Loos-Biographie für Aufmerksamkeit sorgte, fasst Loos Standpunkte zur Kulturkritik, Stil und Lebensformen zusammen. Nicht unähnlich einem anderen bedeutenden Essayisten, Friedrich Heer, besteht auch bei Loos bis heute das Problem, dass seine unzähligen, rasch geschriebenen Glossen, Kommentare und Zeitschriftenbeiträge noch immer nicht zur Gänze aufliegen. Der Band "Leben mit Loos" ist so gesehen ein weiterer ehrenhafter Versuch, mit einem neuen Netz aus dem buchstaben- und Thesenmeer Loos neue Facetten auf den Markt der interessierten Öffentlichkeit zu bringen. Im Böhlau Verlag liegen im übrigen noch weitere lieferbare Werke rund um Adolf Loos auf, so etwa eine Biographie von Lisa Fischer über Loos Ehefrau und Kunst-Muse Lina Loos.

Inge Podbrecky, Rainald Franz (Hg.), Leben mit Loos, Böhlau Verlag 2008, 294 Seiten, Euro 35, ISBN 978-3-205-77743-4, www.boehlau.at (Schluss) hch

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