"Kleine Zeitung" Kommentar: "Warum Barack Obama zu hohe Erwartungen dämpfen muss" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 06.11.2008

Wien (OTS) - Wer Präsident der USA ist, hat nie nur Amerikaner interessiert. Nach acht Jahren mit George W. Bush aber war die Erwartung so hoch gespannt wie nie. Die Erleichterung über das Scheitern eines Kandidaten, der mehr vom Gleichen zu bringen drohte, war weltweit. Afrikaner freuen sich über einen der Ihren im mächtigsten Amt der Welt. Nicht nur Europäer hoffen auf einen neuen Gesprächston unter Verbündeten.

Wandel hat Barack Obama wieder und wieder versprochen. Wandel im eigenen Land und im Umgang mit der Welt. Ohne dass er noch einen Schritt getan hat und Monate, bevor er als Präsident im Weißen Haus einziehen kann, hat er schon etwas verändert. Nichts habe je die Wahrnehmung Amerikas so schlagartig verbessert wie diese Wahl, sagte ein Redakteur der TV-Station CNN euphorisch. "Außer dem Sieg im Zweiten Weltkrieg", relativierte ein Kollege. Aber was könnte diesen Triumph schon überbieten?

Es war die Nacht der großen Worte, der großen Gefühle und der großen Hoffnungen. Barack Obama hat die Gefahr in diesem Überschwang erkannt. Seine großartige Dankrede versuchte allzu hoch gespannte Erwartungen zu dämpfen. Vom steilen Pfad war da die Rede, der nun vor der Nation liege, von Enttäuschungen, möglichen Fehlern und Irrtümern. Schon in den letzten Tagen des Wahlkampfes hatte Obama begonnen, von Opfern zu reden und nicht nur von Steuersenkung kombiniert mit teuren Reformprogrammen. Niemand sollte glauben, ein Wundermann würde nun das Land mühelos aus der Krise steuern. "Dieser Sieg ist nicht der Wandel, den wir suchen. Er bietet uns nur die Chance, den Wandel herbeizuführen."

Heiße Luft haben Kritiker Obamas Beschwörungen der Gemeinsamkeit genannt. Das ist Unsinn. Die Ära Bush hat das Land tief gespalten. Es ist deshalb nicht billige Rhetorik, das Gemeinsame zu beschwören. Über die Grenzen von Parteien, Volksgruppen und Lobbys hinweg Präsident aller Amerikaner sein zu wollen, ist eine überprüfbare Verheißung. Obama wird es schon bald beweisen müssen. Die Kontrolle des Kongresses durch seine Partei ermöglicht ihm auch den Durchmarsch. Erliegt er dieser Versuchung, wird der Glanz seiner Reden bald stumpf sein.

Auf die besiegten Republikaner kommt eine lange Durststrecke zu. Die Partei ist zu einem Club von Steuersparern und Jesus-Freaks verkommen. Sie hat vier Jahre, um wieder den Anschluss an ihre große Geschichte zu finden.****

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