Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Jubel mit zwei Seiten"

Ausgabe vom 6. November 2008

Wien (OTS) - Noch nie seit John F. Kennedy hat eine amerikanische Präsidentenwahl weltweit so viel Jubel ausgelöst wie jene Barack Obamas. Das hängt mit Ausstrahlung, ja Charisma zusammen. Das ist Folge von Obamas grandioser Rhetorik, die meist auf allzu konkrete Festlegungen verzichtet, sodass die unterschiedlichsten Erwartungen hineinprojiziert werden können. Das ist insbesondere Konsequenz der deprimierenden Bilanz von George W. Bush.

Obamas Erdrutschsieg - der seiner Partei auch ungewöhnlich satte Mehrheiten in beiden Häusern des Kongresses eingebracht hat - löst aber nicht nur Begeisterung aus, sondern ebenso hohe Erwartungen. Er scheint sich selbst dessen bewusst zu sein, dass seit dem Wahlabend die Höhe dieser Erwartungen seine größte Last ist.

Einen in der Tat historischen Erfolg hat Obama aber jedenfalls schon erzielt, bevor er noch seine erste Amtshandlung setzt: Seine Wahl hat allen nicht-weißen US-Bürgern, vor allem den schwarzen demonstriert, dass sie in der Tat gleichberechtigte Amerikaner sind. Darüber sind sie zu Recht begeistert. Sie sehen aber hoffentlich auch die zweite Seite des Obama-Erfolgs - die auch schon bei der Karriere zweier schwarzer US-Außenminister sichtbar geworden ist: Ja, Amerika ermöglicht auch Angehörigen von Minderheiten den Aufstieg bis zur absoluten Spitze, aber nicht etwa über Quoten-Regelungen, sondern durch Bildung, Leistung, Disziplin. Natürlich kann nicht jeder wie Obama gleich nach Harvard kommen; aber jedenfalls wird mit dem Frust, der Aggression und dem Desinteresse der Schüler in vielen Inner-Cities der USA auch weiterhin kein Aufstieg möglich sein. Gleichgültig welche Hautfarbe man hat.

Auch die Europäer sollten lernen, dass ihre totale Obama-Euphorie (samt der exzessiven Wahlberichterstattung in Medien, die sich sonst um Politik sehr wenig kümmern) eine zweite Seite hat. Bestätigt doch gerade ihre Euphorie etwas, was sie eigentlich gar nicht wollen: Dass nämlich Amerika weiterhin die Welt regiert, dass ihnen der Herr im Weißen Haus wichtiger ist als alle deutschen, französischen, britischen oder EU-europäischen Spitzenpolitiker zusammen. Barack Obama aber ist, so wie all seine Vorgänger, nur seinen Mitbürgern verantwortlich und sonst niemandem. Europa täte gut daran, das recht rasch zu begreifen.

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