Katholisch-Islamisches Forum: Diskussion über Menschenrechte

144 Christen aus dem islamischen Raum richten Appell an die Teilnehmer des Gipfelgesprächs im Vatikan

Vatikanstadt-Algier, 5.11.08 (KAP) Fragen von Menschenwürde und Menschenrechten standen im Mittelpunkt des zweiten Arbeitstages des Katholisch-islamischen Forums am Mittwoch im Vatikan. Unter dem Thema "Gottesliebe - Nächstenliebe" diskutieren je 29 Vertreter beider Religionen über die gesellschaftliche Konsequenzen, die religiöse Menschen aus ihrem Glauben ziehen sollen. Die dreitägige Konferenz endet am Donnerstagnachmittag mit einer öffentlichen Sitzung an der Päpstlichen Gregoriana-Universität, bei der ein gemeinsames Schluss-Dokument vorgestellt werden soll. Auch am zweiten Sitzungstag hielten sich die Konferenzteilnehmer an die vereinbarte Interviewsperre. Allerdings schien die Stimmung unter den Teilnehmern gelöst zu sein.

Vor Eröffnung des Treffens hatte sich nur der umstrittene Genfer Islamwissenschaftler Tareq Ramadan (der ebenfalls im Vatikan dabei ist) als "Plaudertasche" erwiesen. In einem Beitrag für den Londoner "Guardian" meinte Ramadan, heute könne man sehen, dass die Konsequenzen der "Regensburger Vorlesung" von Papst Benedikt XVI. vom 12. September 2006 "eher positiv als negativ" waren. Der Appell der 138 islamischen Theologen und Rechtsgelehrten "A Common Word between You and Us" erinnere daran, dass die beiden religiösen Traditionen -die christliche und die muslimische - die selbe Quelle haben, "den einzigen Gott, der uns zur Respektierung der menschlichen Würde und Freiheit ruft". Ziel des christlich-islamischen Dialogs sei es nicht, eine neue "religiöse Allianz" gegen die "säkularisierte" Weltordnung zu schmieden; es gehe vielmehr darum, einen "konstruktiven Beitrag" zur öffentlichen Debatte zu leisten.

Ein "konstruktiver Dialog" über gemeinsame Werte und letzte Ziele sei wichtiger als alle Rivalitäten über die Zahl der Gläubigen, über den Proselytismus (die Abwerbung von Gläubigen) oder über "sterile Auseinandersetzungen im Hinblick auf den exklusiven Besitz der Wahrheit". Wer immer behaupte, dass er allein die Wahrheit besitze, sei schon dem Irrtum verfallen. Der Dialog verlange vor allem anderen "Demut", so Ramadan.

Die Diskussion über Glaube und Vernunft sei für beide religiöse Traditionen kennzeichnend, meinte der Genfer Islamwissenschaftler. Der angeblich seit jeher bestehende Gegensatz zwischen dem Islam und dem Westen sei nur eine "historische Projektion", ein "ideologisches Instrument". Aber der Westen sei zutiefst vom Islam beeinflusst worden, ebenso wie der Islam vom Westen. In beiden Bereichen müsse man die "Pluralität der Vergangenheit" anerkennen.

Der Schatten der "Dhimmitude"

144 Christen aus islamisch dominierten Ländern - darunter 77 Konvertiten aus dem Islam - haben unterdessen das im Vatikan tagende Katholisch-Islamische Forum aufgefordert, die Christen in der islamischen Welt nicht zu vergessen. Die Konferenz solle dafür eintreten, dass das islamische kanonische Recht ("Sharia") nicht auf Nichtmuslime angewandt wird, und dass islamische Länder den Religionswechsel als Grundrecht akzeptieren, heißt es in dem Aufruf. Zudem solle jeder Versuch zur Wiedereinführung des Statuts der "Dhimmi" (Schutzbefohlenen) zurückgewiesen werden, das Christen in islamischen Ländern zu Bürgern zweiter Klasse macht. Der Appell wurde zunächst auf einer Website kabylischer Christen in Algerien (www.notredamedekabylie.net) veröffentlicht und dann von der katholischen Nachrichtenagentur "AsiaNews" verbreitet.

Das Dialog-Schreiben der 138 islamischen Theologen und Rechtsgelehrten sei aber ein Fortschritt. Zudem verweisen die 144 Unterzeichner des Appells auf einige Verbesserungen in jüngster Zeit. Dennoch sei in den letzten Jahren durch das Wachstum des militanten Islamismus das überholte Konzept der "Dhimmitude" wieder hervorgeholt worden. Dieses Konzept sei "unerträglich".

Das Konzept der "Dhimmitude" geht auf die ersten Jahre des Islam zurück: Wenn eine Stadt oder eine Region von den muslimischen Armeen erobert wurde, konnten die Christen als "Schutzbefohlene" (Dhimmi) weiterhin bei ihrem Glauben bleiben, mussten aber eine Sondersteuer, die "jizya", zahlen. Sie durften keine Waffen tragen und waren anderen Auflagen unterworfen, so durften sie keine neuen Kirchen bauen, auch das Glockenläuten war untersagt. Die Einführung eines besonderen Abzeichens auf der Kleidung (vergleichbar dem späteren "Judenstern") geht ebenfalls auf die Erfindungsgabe frühislamischer Bürokraten zurück. Obwohl das Konzept der "Dhimmitude" nach Ort und Zeit sehr unterschiedlich gehandhabt wurde, war es etwa im Osmanischen Reich bis in die "Tanzimat"-(Reform)Epoche im 19. Jahrhundert in Kraft.

In dem "Appell der 144" wird ausdrücklich verlangt, dass die Freiheit zum Religionswechsel von allen islamischen Ländern anerkannt werden müsse. Ländern wie Mauretanien, die auf Grund umstrittener "Hadith"-Aussagen des Propheten Mohammed die Todesstrafe für den Abfall vom Islam eingeführt hätten, müssten diese Regelungen umgehend zurücknehmen.

Abschließend heißt es in dem Appell: "Wenn man die Christen im sogenannten islamischen Raum ignoriert, bedeutet das, dass man die Probleme nicht sehen will, die es zwischen den beiden Religionen gibt. Die Aktualität bestätigt es immer wieder: Die Christen im islamischen Raum sind in großer Gefahr". (forts)
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