"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Feuerwehr statt Krisenabwehr" (Von MARIO ZENHÄUSERN)

Ausgabe vom 5. November 2008

Innsbruck (OTS) - Zwei Buben haben wochenlang neben ihrer schwer kranken Mutter gelebt. Die alleinerziehende Frau wurde immer wieder im Krankenhaus behandelt. War das der Fall, mussten sich die beiden Minderjährigen allein durchschlagen, obwohl sie ganz offensichtlich nicht in der Lage sind, für sich zu sorgen. Als ob das nicht genügte, drehte die Tiwag der Familie auch noch den Strom ab, weil die Rechnungen länger unbezahlt blieben.

Dieses Drama spielte sich nicht irgendwo im Ausland ab, sondern in Tirol. Mitten unter uns. Ein besonders trauriger Fall, der die soziale Kälte widerspiegelt, die unsere Gesellschaft prägt.

Die beteiligten Institutionen sind sich keiner Schuld bewusst. Sie haben, jeweils für sich selbst betrachtet, keinen Fehler gemacht. Die Tiwag hatte das Recht, den Strom abzudrehen, weil Mahnungen ignoriert wurden. Das Jugendamt sah keinen Grund zum Einschreiten, weil es keine Beschwerden gab, die Kinder nicht auffällig waren. Die Sachwalterin war nur für die Bezahlung der Miete zuständig. Und letztlich erwies sich auch das soziale Netz in der Gemeinde als zu löchrig, als dass es den Absturz der Familie hätte auffangen können.

Alle haben lediglich ihre Pflicht getan - aber eben nicht mehr. Niemand hat den einen Telefonanruf riskiert, um eine andere Einrichtung auf die drohende Verschärfung der Situation hinzuweisen. Niemand hat über die Akuthilfe für die kranke Mutter hinaus versucht, sich in die Lage der beiden Buben hineinzudenken. Wieder einmal konnten die zuständigen Behörden nur Feuerwehr spielen, anstatt die Entstehung der Krisen zu verhindern. Wie oft noch?

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