Die falsche Mittelstandsentlastung

"Presse"-Leitartikel, vom 5. November 2008, von Martina Salomon

Wien (OTS) - Keine Studiengebühr ab dem nächsten Sommersemester:
Das macht Österreich nicht sozialer, ganz im Gegenteil.

Das wird sicher die einzige echte Mittelstandsentlastung der nächsten Zeit: Ab dem kommenden Sommersemester zahlen Eltern von Studentenkindern keine Uni-Gebühr mehr. An diesem Beschluss - vier Tage vor der Wahl - wird nicht mehr gerüttelt, wie die Koalitionsverhandlungen zeigen. Damit haben SPÖ, FPÖ und Grüne die Besserverdiener entlastet, auch wenn sie das gar nicht im Sinn hatten. Man soll es ruhig beklagen, aber Faktum ist trotzdem, dass Studenten gerade in Österreich selten aus niedrigen, schlecht verdienenden Schichten stammen (die übrigens ohnehin gebührenbefreit sind). Diese Mittelschicht hat sich bereits aus dem öffentlichen Kindergarten- und Schulsystem verabschiedet. Nun ist sie dabei, den öffentlichen Universitäten den Rücken zu kehren.
Der Parlamentsbeschluss vom 24. September wird das beschleunigen. Denn neben der Abschaffung der Studiengebühren (363 Euro pro Semester) wurden auch die Studienplatzbeschränkungen (teilweise) abgeschafft. Der Mythos vom freien Hochschulzugang lebt! Leider ist er nur ein Mythos. Damit soll nicht der Medizin-Uni-Test schöngeredet werden. Das ist reine Notwehr gegen die unsinnige EU-Regelung, wonach sich ein kleiner Staat wie Österreich nur mit Mühe gegen die Studentenflut aus einem viel größeren Nachbarland zur Wehr setzen darf. Oft messen solche Tests das Falsche. So ist im Arztberuf Kommunikationsfähigkeit wichtiger als die per Multiple-Choice abgefragten mathematischen Gesetzmäßigkeiten. Gut gestaltete Studieneingangsphasen setzen nicht simpel auf "Knock-out", sondern geben den potenziellen Hörern auch die Möglichkeit, sich selbst zu testen. Interessiert mich dieses Fach überhaupt? Habe ich die Fähigkeiten dazu? Warum soll nicht auch umgekehrt die Uni auswählen dürfen, wen sie für geeignet erachtet, das Ausbildungsziel oder - in einem späteren Studienabschnitt - ein Doktorat zu erreichen?

Besonders grotesk an der jetzigen Situation ist ja, dass Fachhochschulen sowohl Gebühren als auch Studienbeschränkungen haben dürfen. Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb verzeichnen sie, wie auch private Lehrgänge mit zum Teil empfindlichen Kosten, eine kräftig steigende Nachfrage. Das barrierefreie Gratisstudium wiegt nämlich mangelnde Struktur an den Universitäten, überfüllte Hörsäle und unsichtbares Lehrpersonal nicht auf. Solche Probleme werden sich mit der ebenfalls beschlossenen, total unsinnigen Erhöhung der Zahl an Medizinstudenten noch verschärfen. Auch das "Patientengut" für die Ausbildung ist ja nicht beliebig erweiterbar.
Die Folge? Immer mehr Eltern finanzieren ihren Kindern, die ursprünglich zum Beispiel die Wirtschaftsuni besuchen wollten, lieber sauteure Ausbildungen, in denen die Bezeichnung "Business" vorkommt sowie die Zusicherung, dass 80 Prozent der Hörer in der vorgesehenen Zeit abschließen. Welche öffentliche Uni kann das von sich behaupten? Familien sind auch bereit, 9530 Euro jährlich für die private Medizinuni in Salzburg auszugeben, und ihr Argument ist nicht von der Hand zu weisen: Wer schneller studiert und damit früher in den Beruf einsteigen kann, hat später eine höhere Lebensverdienstsumme. Das kann sich sogar dann rechnen, wenn man für die Gebühren einen Kredit aufnehmen muss. Eine Entwicklung, ähnlich wie in den USA, wo man für die Bildung der Kinder lieber in anderen Lebensbereichen zurücksteckt.

Und was geschieht mit den öffentlichen "Restkindergärten", "Restschulen", "Restuniversitäten"? Sie verlieren an Qualität, wenn die besser gebildeten Schichten einen Bogen um sie machen, und manche Probleme verschärfen sich: Integration zum Beispiel. Statt mehr sozialen Ausgleich zu schaffen, wird mit der Abschaffung von Gebühren und Hürden dummerweise die soziale Schere noch größer. Denn wer es sich leisten kann, flüchtet in privilegierte Institutionen oder zumindest Post-Graduate-Kurse, wo das Image (nicht immer zu Recht) höher ist, mehr Lehrpersonal zur Verfügung steht, effizienter studiert wird, Englisch Arbeitssprache ist, Auslandsaufenthalte organisiert werden.
Es darf daran gezweifelt werden, dass die Regierung den Unis die versprochenen Zuwächse plus die entfallenden Gebühren zahlen wird können. Und da sprechen wir noch gar nicht vom Bürokratieaufwand, der den Unis bevorsteht, wenn sie rückwirkend von jenen Hörern Gebühren einheben müssen, die ihre Mindeststudiendauer um mehr als ein Semester pro Studienabschnitt überziehen. Danke schön für die Mittelstandsentlastung. Aber hätte man nicht etwas Sinnvolleres finden können?

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