Papst: Schöpfungslehre steht nicht... (2)

"Finding design in nature"

Kardinal Schönborn ging vor der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften noch einmal auf seine eigenen Ausführungen über "Schöpfung und Evolution" ein. Ausgangspunkt war sein Gastkommentar "Finding design in nature" in der "New York Times" im Jahr 2005, der ihm den Vorwurf einbrachte, Anhänger der "Intelligent Design"-Schule zu sein. Diesen Vorwurf wies der Wiener Erzbischof nun mit dem Hinweis zurück, diese Schule stelle zwar "die richtige Frage", indem sie fragt, woher das "evidente design in der Natur" komme; sie begehe jedoch einen "methodischen Fehler", wenn sie versuche, mit naturwissenschaftlicher Methodik auf diese Frage eine Antwort zu finden. Kardinal Schönborn wörtlich: "Nicht die naturwissenschaftlich arbeitende Forschung findet das design in der Natur. Wohl aber der über seine Forschung nachdenkende Mensch, der sich fragt, was es bedeutet, dass die Materie ihm 'vernünftig' auf seine Fragen antwortet, und der darüber nachsinnt, warum seine Vernunft diese Antworten vernehmen kann".

Dass Benedikt XVI. intensiv über das Thema "Schöpfung und Evolution" nachdenke, hänge mit der Frage nach dem Wesen der Vernunft zusammen, betonte Kardinal Schönborn. Es sei für den Papst nämlich "die entscheidende Frage", "ob am Anfang der Logos oder die Un-Vernunft steht".

Einen Markstein stelle dabei die "Regensburger Vorlesung" des Papstes im Jahr 2006 dar. In dieser stand nicht etwa die Frage des Islam im Zentrum der Erörterungen, sondern vielmehr die Frage nach den Grenzen der modernen naturwissenschaftlichen Vernunft. Der Papst sei überzeugt, dass die Strömungen des Nominalismus (die Verabsolutierung der Transzendenz Gottes) sowie die Reformation Glaube und Vernunft entkoppelt und somit eine Engführung des Vernunftbegriffs auf die bloße naturwissenschaftliche Vernunft befördert hätten, erinnerte der Wiener Erzbischof. Der Papst habe auf diese Gefahr stets hingewiesen und auch in Regensburg eine "Selbstkritik der Vernunft" und eine "Ausweitung von Vernunftbegriff und -gebrauchs" eingemahnt.

Einen weiteren Markstein des päpstlichen Nachdenkens über "Schöpfung und Evolution" stelle das Treffen des "Schülerkreises" Benedikts XVI. im Jahr 2006 dar, das ebenfalls diesem Thema gewidmet war. Dabei habe der Papst eine klare Abgrenzung gegen jede Form des "Kreationismus" und die prinzipielle Offenheit des Glaubens für naturwissenschaftliche Erkenntnisse formuliert. Es liege allerdings an der Religion, darauf hinzuweisen, dass die bloße Naturwissenschaft dazu tendiere, "uns Dimensionen der Vernunft wegzunehmen, die wir weiterhin brauchen", zitierte Kardinal Schönborn aus einem Statement Benedikts XVI. beim Treffen des "Schülerkreises" in Castel Gandolfo 2006.

Wissenschaftlicher und religiöser Fundamentalismus

Wie Kardinal Schönborn abschließend betonte, erachte er die von Papst Benedikt XVI. unternommene Synthese von Glauben und Vernunft als wichtigen Impuls für das kommende Darwin-Jubiläumsjahr 2009 (200. Jahrestag der Geburt von Charles Darwins). Der Glaube besitze in der Lesart des Papstes "ein großes Potenzial der Aufklärung" und der "Emanzipation vom Mythos".

Zugleich könne diese Synthese von Glauben und Vernunft helfen, dem "Totalitätsanspruch des Erklärungsmodells 'Evolution'" entgegenzutreten. Als vermittelnde Instanz müsse dabei die Philosophie einspringen, so Kardinal Schönborn, da sie es vermag, "Grenzen der naturwissenschaftlichen Methoden und ihrer Reichweite zu formulieren, um Grenzüberschreitungen aufzudecken, um Verengungen des Vernunftbegriffs zu öffnen". Notwendig sei daher eine "gute Philosophie der Natur", um sowohl einen religiösen als auch einen wissenschaftlichen "Fundamentalismus zu vermeiden", so Kardinal Schönborn.(ende)
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