ÖGB Niederösterreich feiert 90 Jahre Republik

Minutenlanger Applaus für musikalische Reise durch neun Jahrzehnte Österreich

Wien (ÖGB) - Was haben die Menschen, vor allem die ArbeitnehmerInnen, gedacht, als vor 90 Jahren, am 12. November 1918, in Österreich die Republik ausgerufen wurde? Mit welchen Hoffnungen gingen sie in das neue Zeitalter? Wie erlebten sie Austrofaschismus und Nationalsozialismus? Wie den Neubeginn 1945? Was davon prägt uns bis heute? Diese Fragen hat der ÖGB Niederösterreich mit einer Veranstaltung am Donnerstagabend in St. Pölten beantwortet. Paul Gulda führte durch die musikalische und literarische Reise durch 90 Jahre Republik.++++

Minutenlanger Applaus und minutenlanges betroffenes Schweigen. Paul Gulda und das Drach Quartett führten die GewerkschafterInnen und BetriebsrätInnen durch emotionale Höhen und Tiefen. Parallel zur österreichischen Geschichte. Wie groß die Hoffnungen, als am 12. November 1918 Staatskanzler Karl Renner die Republik ausrief. Eine Republik, die auch die Arbeiterinnen und Arbeiter friedlich erkämpft hatten. Eine Republik von der sie sich die Erfüllung ihrer Hoffnungen und die Beseitigung ihrer Nöte erwarteten. Wie Gulda mit Musikstücken, etwa aus den Arbeiterkonzerten, und Zitaten aus zeitgenössischen Dokumenten klarmachte - am Anfang sah es so aus, als würden sich die Erwartungen erfüllen. Die Republik brachte Mitbestimmung, Sozialversicherung und die Arbeiterkammern.

Wenig später war es vorbei mit dem Optimismus. Die sozialen und politischen Gegensätze zerrissen die Republik. Arbeiterlieder aus den Zwanzigern und frühen Dreißigern verdeutlichen die damalige Gefühlslage ebenso wie die Texte von Jura Soyfer. Der Schriftsteller, Dramatiker und Satiriker galt als eines der größten literarischen Talente Österreichs und der Arbeiterbewegung. 1939 wurde er 27-jährig im KZ-Buchenwald ermordet. Die Republik existierte zu diesem Zeitpunkt seit sechs Jahren nicht mehr. Der austrofaschistische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß hatte sie beendet, als er den Nationalrat für aufgelöst erklärte und ein Wiederzusammentreten gewaltsam verhinderte.

"Ich bitte um eine halbe Minute Schweigen"

"Ich bitte um eine halbe Minute Schweigen", leitete Gulda den zweiten Teil der historischen Reise ein, die die Zweite Republik analysierte. Das Schweigen galt den Opfern des Zweiten Weltkriegs. "Man hat gemerkt, wie nahe das den TeilnehmerInnen gegangen ist", kommentierte LHStv. Dr. Sepp Leitner. Wie schwierig der Umgang mit der neueren Geschichte ist, belegten Zitate aus Thomas Bernhards umstrittenen Stück Heldenplatz. Das Lebensgefühl der Nachkriegsjahrzehnte illustrierten auch Lieder von Paul Guldas Vater Friedrich.

"Es war sehr bewegend für mich", kommentierte ein Teilnehmer nach dem minutenlangen Applaus. "Hier hat man begreifen können, was alles an dieser Geschichte hängt, an Hoffnungen, Ängsten." Eine Feier, die dem Anlass mehr als gerecht geworden sei, sagen andere. Einem zu Unrecht oft vergessenen Anlass. "Diese Republik hat den Grundstein für das gelegt, was und wer wir heute sind", merkte Bürgermeister Mag. Matthias Stadler in seiner Rede an.

ÖGB, 31. Oktober 2008 Nr. 622

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