"Kleine Zeitung" Kommentar: "Um die heißen Eisen macht man einen großen Bogen" (Von Michael Jungwirth)

Ausgabe vom 27.10.2008

Graz (OTS) - Es ist eine List der Geschichte, dass sich
ausgerechnet am Nationalfeiertag das Schicksal der AUA entscheidet. Während das offizielle Österreich gestern in seinen Reden wieder das Banner des Patriotismus hochhielt, steht man bei der AUA vor einem Scherbenhaufen.

Die Turbulenzen an den Finanzmärkten haben den Sturzflug des rot-weiß-roten Paradeunternehmens beschleunigt, aber keineswegs ausgelöst. Ausgelöst wurde die Misere durch die jahrelange Weigerung von Politik und Managern, der Realität ins Auge zu schauen. Statt über den nationalen Tellerrand zu blicken, ließ man sich lieber von nationalen Wallungen leiten, die traditionell am Nationalfeiertag Hochkonjunktur haben.

Seit gut zehn Jahren war klar, dass mit nationalen Airlines in Europa kein Staat mehr zu machen ist. Statt das Unpopuläre zu wagen und sich mit der Konkurrenz zu verschränken, probierte man lieber den Alleingang und übte sich im Beschwichtigen und Schönreden. Quer über alle Parteigrenzen war sich die Politik einig. Von Links- bis Rechtsaußen ging man eine unheilvolle Allianz gegen den "Ausverkauf des nationallen Flaggschiffs" ein.

Dass diese Vogel-Strauß-Politik den Ausverkauf nicht verhindert, sondern geradezu befördert hat, will man jetzt nicht wahrhaben. Da ist es simpler, dem Neoliberalismus, der Globalisierung oder gleich dem Raubtierkapitalismus die Schuld in die Schuhe zu schieben - und weiterhin das hohe Lied auf die Insel der Seligen anzustimmen. Das Resultat des Experiments: Die AUA steht mit einer Milliarde Euro in der Kreide.

Derzeit sieht es ganz danach aus, dass auch die Koalitionsverhandler lieber den Kopf in den Sand stecken statt sich unbequemen Dingen zuzuwenden. Sollten sich die Frage der EU-Volksabstimmung oder die Abschaffung der Studiengebühren tatsächlich als die größten Stolpersteine der Koalitionsverhandlungen entpuppen, kann man Österreich für die Zukunft nur alles Gute wünschen.

Denn dann hätte man sehr erfolgreich einen großen Bogen um die heißen Eisen gemacht - um die tatsächlichen Zukunftsfragen, die darüber entscheiden, ob sich Österreich in den nächsten Jahren auf der Gewinner- oder der Verliererstraße wiederfindet.

Es sieht ganz danach aus: Große Koalitionen gehen nicht die großen Probleme unseres Landes an, sondern verständigen sich lieber auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, um ja niemanden von der eigenen Klientel vor den Kopf zu stoßen. ****

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