"Die Presse" Leitartikel: "Kirche - da war etwas . . . Eine Verlustanzeige" (von Dietmar Neuwirth)

Ausgabe vom 27.10.2008

Wien (OTS) - Kardinal Schönborn will politisches Engagement von Laien - die vor zehn Jahren mundtot gemacht wurden.

Einem Kardinal aus tiefster Seele zuzustimmen, dagegen scheint manchmal so etwas wie eine innere Sperre zu bestehen. Jetzt ist es aber an der Zeit, Christoph Schönborn einmal voll und ganz beizupflichten. Immerhin hat er dieser Tage an die Nichtkleriker, also die, grob geschätzt, 99 Prozent Mehrheit der Kirchenmitglieder, mehrere dringende Appelle gerichtet. Die Laien sollten, befand der Mann in Purpur, doch bitte mehr Engagement an den Tag legen.
Um Gottes willen nein, natürlich nicht innerkirchlich. Sondern im politischen Bereich. Und Eminenz wünscht, wie er weiter predigt, mehr Zivilcourage. Um Gottes willen nein, natürlich nicht innerkirchlich. Sondern im gesellschaftlichen Diskurs. Damit nicht genug, der Spitzenvertreter einer seit Jahrhunderten (gar nicht einmal so wenig erfolgreich) streng hierarchisch gegliederten Organisation hat entdeckt, dass in Österreich noch immer ein zu starkes Obrigkeitsdenken vorherrscht. Um Gottes willen nein, natürlich nicht innerkirchlich. Sondern generell verstanden. Wie recht er doch hat. Die Worte haben Potenzial zu provozieren. Nur: Mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas anders als von Schönborn beabsichtigt. Denn besonders bemerkenswert an den Aussagen des Wiener Erzbischofs ist eine Koinzidenz, die dem Kardinal kaum bewusst sein dürfte. Schließlich war er selbst bei jener, in Österreich damals für einige Wochen weltberühmten Veranstaltung wegen einer plötzlichen Erkrankung nicht dabei: bei der großen Delegiertenversammlung in Salzburg, die vor genau zehn Jahren den nach Groër- und Kirchenvolksbegehrensexzessen (in einer Stunde der Schwäche?) ausgerufenen "Dialog für Österreich" beendet hat.
Alles, was Rom verbietet, war damals von den Delegierten zum Entsetzen der Bischöfe mit satten Dreiviertelmehrheiten gutgeheißen worden: Priesterweihe für verheiratete Männer - einverstanden! Zulassung von Frauen zur Diakonenweihe - warum nicht? Ablehnung des Verbots der "Pille" - selbstverständlich! Respektieren von vorehelichem Geschlechtsverkehr - bitte sehr! Zulassung von Katholiken, die nach einer Scheidung standesamtlich geheiratet haben, zur Kommunion - jawohl! Undsoweiterundsofort. Ja, das waren eben wilde Zeiten damals, nicht?
Wenn sich am Nationalfeiertags-Wochenende die Plattform "Wir sind Kirche" zu einer Art Memorialveranstaltung zusammengefunden hat, dann wohl eher aus einem sentimentalen Impetus heraus. Denn (zu) vieles hat sich in den vergangenen zehn Jahren schlichtweg erledigt. Weil sich ohnedies im Alltag so gut wie niemand übertrieben viel um die einschlägigen kirchlichen Regeln kümmert oder aber weil ohnedies nur noch die Glaubensfestesten der Glaubensfesten der katholischen Kirche treu geblieben sind. Flächendeckende Diskussionen über diese oder jene kircheninterne Reform wurden von den Bischöfen mit Konsequenz abgestellt. Sie haben damit in Kauf genommen, dass auch die Beiträge der solcherart demotivierten oder vertriebenen Laien zu gesellschaftlichen und politischen Fragen versiegen. Die Bischöfe waren dabei mehr getrieben als selbstbestimmt. Getrieben vom Vatikan, der einen Schluss der Debatte verordnete.
Zehn Jahre später muss anerkannt werden, dass sich diese Linie voll durchgesetzt hat. Der hochtrabende "Dialog für Österreich" samt aller dort zur Abstimmung gebrachten Träumereien gerieten in Vergessenheit. Lediglich der in Salzburg laut gewordene Ruf nach einem gemeinsamen Sozialwort aller christlichen Gemeinschaften wurde Jahre später erhört. Der nicht zu verachtende Schönheitsfehler: Konkrete Auswirkungen des Dokuments auf das politische oder gar innerkirchliche Leben in Österreich erschließen sich selbst dem wohlmeinenden Beobachter nicht.
Heute ist das Schweigen der Kirche ohrenbetäubend. "Die Kirche" tritt mit Ausnahme vielleicht von Caritas-Präsident Franz Küberl ausschließlich in der Gestalt von Bischöfen an die Öffentlichkeit. Und die in der Mehrheit doch etwas älteren Herren meiden diese so weit es irgendwie geht. Dabei muss die mittlerweile öffentlich so gut wie völlig verschwundene Präsenz der katholischen Kirche als ein Verlust gesehen werden, der schwer wiegt. Schwerer, als es (sich) die Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts vielleicht einzugestehen bereit ist. Soferne ihr dieser Verlust überhaupt bewusst wird. Das setzte voraus, dass sie (auch angesichts Prophezeiungen hinsichtlich der globalen wirtschaftlichen Entwicklung und darauf basierender semiapokalyptischer Ängste) überhaupt noch bei Bewusstsein ist.

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