"DER STANDARD"-Kommentar: "Multikulti-Exekutive" von Michael Möseneder

Ausgabe vom 27. 10.2008

Wien (OTS) - Die Polizei gilt gemeinhin nicht als Hort ungestümer Veränderungen und gesellschaftspolitischer Experimente. Eher im Gegenteil: Allein der Wandel von staatsgewaltiger Allmacht hin zu freundlichen Helfern der Bürger ist mühsam. Umso erstaunlicher, dass die Wiener Polizei, die gerade mit der dritten internen Reform in wenigen Jahre beschäftigt ist, einen engagierten Anlauf nimmt, mehr Beamte mit Migrationshintergrund in die blaue Uniform zu bringen. Innerhalb von fünf Jahren soll in jeder Inspektion der Bundeshauptstadt jemand sitzen, der zumindest einen nicht aus Österreich stammenden Elternteil hat.
Der Plan des Polizeichefs Karl Mahrer war nötig. Denn natürlich muss die Exekutive dem Gemeinwesen, dem sie dient, halbwegs entsprechen. Und wenn derzeit ein Prozent der Mannschaft Kinder von Zuwanderern sind, während 30 Prozent der in Wien lebenden Menschen einen Migrationshintergrund haben, ist das ein augenfälliges Missverhältnis.
Der Schritt hat nichts mit "Gutmenschentum" zu tun - Quoten gibt es keine, Erleichterungen bei den Aufnahmetests auch nicht -, sondern mit sinnvoller Polizeiarbeit, die Missverständnisse durch Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede verhindern helfen kann. Jemandem sollte der "Multikulti-Ansatz" der Exekutive dringend zu denken geben: den Politikern. Die ja die Österreicher in ihrer Gesamtheit vertreten sollten. Sieben Prozent der Staatsbürger sind nicht hier geboren. Im Nationalrat saß am Ende der Legislaturperiode exakt eine Abgeordnete dieser Gruppe. Eine Quote von 0,55 Prozent. Da ist die Polizei schon jetzt weiter.

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