Der harte Aufprall an der Peripherie der Welt

"Presse"- Leitartikel vom 24.Oktober 2008, von Thomas Seifert

Wien (OTS) - Die Finanzkrise schürt das Feuer in den globalen Problemzonen. Atommacht Pakistan steht vor dem Bankrott

Das Schiff sollte man bei ruhiger See und Windstille reparieren und nicht mitten im Sturm - eine einfache Weisheit. So mancher Kahn, der in den Gewässern der internationalen Politik schippert, wäre reparaturbedürftig. Ein Blick auf die Liste der gescheiterten Staaten, die das Außenpolitik-Fachorgan "Foreign Policy" jedes Jahr zusammenstellt, genügt: Da stehen auf Platz eins bis neun Somalia, Sudan, Simbabwe, Tschad, Irak, Kongo, Afghanistan, Côte d'Ivoire und Pakistan. In all diesen Fällen hat sich die internationale Staatengemeinschaft abgemüht, diese Länder zu stabilisieren, der Erfolg war bescheiden.
Die schlechte Nachricht: Was bisher schon schwierig war, wird in den nächsten Jahren nicht einfacher.
Die US-Immobilienkrise, die seit August 2007 dahinschwelt, ist im September 2008 mit dem Kollaps von Lehman Brothers zum zerstörerischen Flächenbrand aufgelodert. Notenbankchefs und Finanzminister versuchen zur Zeit, die Flammen mit Dollar-, Pfund-, Euro- und Yen-Fluten zu ersticken. Derzeit fällt es noch schwer, in den Schattenbildern, die die Finanzkrise wirft, die Schemen zu erkennen. Die Hamburger "Zeit" sieht in ihrer aktuellen Ausgabe bereits eine "neue Weltordnung". Doch wie diese neue Weltordnung aussehen soll, kann derzeit noch niemand prognostizieren. Alles, was wir über die Zukunft wissen, ist, dass sie vor uns liegt.
Was in den Finanzzentren der Welt - New York, London, Hongkong, Tokio - passiert, wird über kurz oder lang an der Peripherie schmerzhaft spürbar. Wenn die Konsumenten in den USA oder Europa mehr sparen müssen, etwa weil die Zinsen für die Kreditraten fürs Einfamilienhaus steigen, dann wird zum Beispiel weniger bei H & M eingekauft und die schwedische Modekette bestellt weniger Ware bei ihren Lieferanten in China, Vietnam, Pakistan oder Bangladesch.

Gerade die Gesellschaften der beiden letztgenannten Länder stehen unter einem erheblichen Druck und sie sind nicht elastisch genug, zusätzliche Schocks in Form von wirtschaftlichen Krisen zu absorbieren. Ein Land wie Pakistan verfügt über keine sozialen Sicherungssysteme für die Bevölkerung, die Regierung kann sich auch keine teuren Beschäftigungs- oder Konjunkturprogramme leisten. Während Europäer und US-Amerikaner mit einem Fallschirm aus dem abschmierenden Wirtschaftsjumbo aussteigen können, schlagen Pakistanis, Bangladeschis oder Nigerianer ungebremst am harten Boden der neuen wirtschaftlichen Realitäten auf. Der Teufelskreis ist längst in Gang gesetzt: Die Wirtschaftskrise trifft die aufgrund ihrer politischen Instabilität an der Peripherie des globalen Wirtschaftssystems stehenden Länder besonders hart, was deren Labilität nur weiter verstärkt.

Am Beispiel Pakistan wird das Problem besonders augenfällig: Die Textilindustrie beschäftigt laut Informationen der All Pakistan Textile Mills Association rund 38 Prozent der Arbeiter Pakistans, der Beitrag dieser Industrie macht rund 8,5 Prozent des Bruttosozialprodukts aus. Die Auftragslage ist katastrophal, Pakistan steht vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch.
Die Regierung wandte sich zuerst an China, denn Islamabad wollte den Gang nach Washington zum Internationalen Währungsfonds (IWF) vermeiden. IWF-Kredite sind meist mit der Forderung nach schmerzhaften Budgetsanierungen und dem Entfall von Stützungszahlungen für Treibstoffe oder Lebensmittel verknüpft. Die Regierungen riskieren daher, dass die vom IWF verordnete Medizin die sozialen Spannungen verschärft und sich diese dann in gewaltsamen Zusammenstößen entladen. Aber der chinesische Präsident Hu Jintao schickte den pakistanischen Präsidenten Asif Ali Zardari unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Also wird Islamabad nun um IWF-Hilfe nicht herumkommen. Bis zu fünf Milliarden Dollar werden sofort benötigt, um einen Staatsbankrott zu verhindern, dazu kommen dann noch weitere acht Milliarden Dollar.
Ein Kollaps Pakistans würde eine der gefährlichsten Weltregionen noch ungemütlicher machen. Zwar hat die Regierung des Witwers von Benazir Bhutto, Asif Ali Zardari, eine Reihe von positiven Signalen gesetzt:
Der schwelende Konflikt in Kaschmir soll entschärft, die Taliban in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan zurückgedrängt werden. Ein Staatsbankrott hätte unabsehbare Folgen. Nun, in schlechten Zeiten, rächt sich, dass man die Probleme Pakistans in guten Zeiten ignoriert hat.

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