Kardinal Schönborn fordert mehr Zivilcourage von katholischen Laien

Wiens Erzbischof bei Podiumsdiskussion der "Akademie für Evangelisation": "Was fehlt, sind Stimmen von kompetenten Laien" -"Bischöfe mischen sich nicht in die Parteipolitik ein, nehmen aber zu Grundsatzfragen Stellung"

Wien, 23.10.08 (KAP) Mehr gesellschaftspolitisches Engagement und mehr Zivilcourage hat Kardinal Christoph Schönborn von den katholischen Laien eingefordert. Der Wiener Erzbischof äußerte sich am Mittwochabend bei einer Podiumsdiskussion der "Akademie für Evangelisation" im Wiener "Figl-Haus": "Was fehlt, sind Stimmen von kompetenten Laien". In Österreich herrsche noch immer ein zu starkes "Obrigkeitsdenken" vor, so der Kardinal; es werde immer an die Bischöfe appelliert. Im jüngsten Nationalratswahlkampf habe er viele Briefe und E-Mails erhalten, in denen eine Stellungnahme seinerseits eingefordert bzw. erbeten wurde.

Der Wiener Erzbischof erinnerte in diesem Zusammenhang an den Grundsatz, dass sich die kirchliche Hierarchie in Österreich nicht in die Parteipolitik einmische. Kardinal Franz König habe hier beispielhaft den Rahmen vorgegeben: Es seien die Parteien selbst, die durch Programm, Praxis und Auswahl der handelnden Personen ihre Nähe oder Distanz zur Kirche definieren. In gesellschaftspolitisch relevanten Grundsatzfragen würden die Bischöfe aber sehr wohl ihre Stimme erheben und auf christliche Werte verweisen, unterstrich Kardinal Schönborn.

Auf das Migrationsproblem angesprochen, verwies der Kardinal darauf, dass man klar zwischen Asyl und Immigration unterscheiden müsse. Asyl sei ein Menschenrecht, das außer Frage stehe. Migration hingegen sei in erster Linie eine politische Frage. Im Hinblick auf die türkischen Immigranten dürfe man allerdings nicht vergessen, so Schönborn, dass die "Gastarbeiter" in den sechziger und siebziger Jahren von Österreich geholt worden seien. Sie hätten jene Arbeiten übernommen, für die sich keine Österreicher mehr fanden. Schönborn: "Es ist eine Frage des Anstands, dass man solche Dinge nicht vergisst".

Bei seinem jüngsten Türkei-Besuch sei ihm verstärkt bewusst geworden, wie sehr der Begegnung von Völkern die Voraussetzung zugrunde liegt, "dass man versteht, wie jemand seine Heimat liebt". Integration könne nicht damit erfüllt sein, dass Türken feststellen, Österreich sei ihre "Heimat", so Kardinal Schönborn.

Angesprochen zur weltweiten Finanzkrise meinte der Wiener Erzbischof, dass diese Krise trotz aller Nöte, die sie mit sich bringt, auch heilsame Wirkungen haben könne. Die Krise werde den Menschen helfen, wieder auf den Boden der Realität zurückzukommen. Jahrzehntelang habe man über die Verhältnisse gelebt und so die kommenden Generationen übermäßig belastet. (forts.)
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