Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Triumph der Unvernunft"

Ausgabe vom 24. Oktober 2008

Wien (OTS) - Der Damm der Vernunft scheint endgültig gebrochen. So schlimm die globale Finanzkrise ist, so notwendig es ist, die Liquidität wiederherzustellen (also erneut einen normalen Kreislauf des Geldes anstelle seiner Hortung in Gang zu setzen) und den Konjunktureinbruch ernstzunehmen: Aber falsche Reaktionen auf diese heutigen Herausforderungen können übermorgen eine viel schlimmere Krise auslösen. Nämlich jenen Zustand, wo niemand mehr einem Staat Kredite gewährt (siehe Argentinien, Island, Ungarn und zunehmend auch Spanien). Ganz zu schweigen von der anderen, im Wortsinn mörderischen Alternative: einer Hyperinflation nach dem Vorbild Zimbabwes.

Manche scheinen sich dieser Gefahren, vorsichtig ausgedrückt, nicht bewusst zu sein. Das gilt etwa für den Wirtschaftskammerpräsidenten, der allen Ernstes die 100 Milliarden -hoffentlich nie schlagend werdenden - Liquiditätshilfen populistisch für das Argument verwendet, dass dann im Gegenzug auch weit mehr als eine Milliarde für die sogenannte Realwirtschaft zur Verfügung stehen müsse. Sollte sich diese Logik durchsetzen (Gewerkschaften, Sozialorganisationen, Subventionsempfänger üben sie ja schon), dann ist die Republik nicht übermorgen bankrott. Sondern morgen.

Sorge macht auch das neue Konjunkturpaket, für das sich nirgendwo eine Effizienzanalyse findet. Hier scheint einfach Geld nach dem Motto "Mein Bahnhof von Attnang-Puchheim, deine Umwelt- und KMU-Projekte" verteilt zu werden.

Intellektuell noch bedenklicher sind die beiden Pensionistenpräsidenten (vor allem deshalb, weil sie sich zuletzt immer gegen die Politik durchgesetzt haben!), die ernstlich behaupten, dass 98 Prozent der Pensionen durch Beiträge gedeckt wären.

Auch einige konkrete Rettungsaktionen sind nicht mehr logisch: Es ist zwar nachzuvollziehen, dass der Staat große, das Finanzsystem tragende Banken sichert (wobei durchaus auch die vom ÖGB verlangten Bedingungen für jeden Geldfluss ihre Logik haben). Wieso aber sind die Constantia-Privatbank oder die AUA systemtragend? Schaffen wir wie im real existierenden Sozialismus den Konkurs ganz ab? Dann gute Nacht Österreich.

Aber zum Glück haben wir ja noch Wirtschaftsforscher und Nationalbank, welche immer Vernunft und Staatsräson verteidigen. Dazu morgen mehr.

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