WirtschaftsBlatt-Kommentar: Die verlorene Generation ist leider bereits da - von Robert Gillinger

Probleme werden kleingeredet. Das ist auch keine Lösung

Wien (OTS) - Kassandra-Rufer sind keine gern gesehenen
Zeitgenossen. Und da mir das wissenschaftliche Rüstzeug für eine ebensolche Expertise fehlt, sage ich lieber, das Glas ist halb voll als halb leer. 658 Milliarden US-Dollar gingen bisher an Abschreibungen in Bankbilanzen durch die Finanzkrise verloren. Das ist in etwa die Hälfte dessen, was der IWF an Gesamtverlusten prognostizierte.

Mein Problem ist nur - ich glaube weder dem IWF, noch Politikern und schon gar nicht Banken. Das lustige Spiel Kreditderivat wurde in den vergangenen Jahren auf die gewaltige Summe von 62 Billionen Dollar hochlizitiert. Dem steht ein weltweites BIP von 52 Billionen gegenüber. Es mag durchaus sein, dass Teile der Kreditderivate nicht komplett verloren sind. Durch die eingesetzten Hebel auf Hebel ist aber sicher ein Großteil einfach futsch. Da stelle ich mir die Frage, woher das Geld dafür kommen soll. Immerhin sprechen wir unter Umständen von einer Summe, die dem weltweiten BIP entspricht. Lebe ich gar in einer verlorenen Generation?

Vor wenigen Monaten noch, so wurde es uns mitgeteilt, war alles halb so schlimm - die paar US-Häuslbauer, die ihre Kredite nicht mehr zahlen können ... Heute stellen sich plötzlich rund um den Globus die verschiedensten Staaten vor den Toren des IWF an, um mit dem dortigen Geld den Staatsbankrott abzuwenden. Die waren ja ohnehin unsicher ... Wer hat mir das vor wenigen Monaten zu Ungarn oder Island gesagt?

Ich bin auch neugierig, woher der IWF die Gelder nehmen wird. Staatsfonds als "Rettungsanker" brechen uns als Käufer, etwa von Anleihen, durch den Verfall der Ölpreise jedenfalls weg.
Und sonst? Kassandra würde wahrscheinlich zwei Ausgänge aus dem Schlamassel sehen: Die Notenbanken beginnen jetzt so richtig mit dem Gelddrucken und entledigen sich der Staatsschulden mit Hilfe gigantischer Inflationsraten. Oder die Staaten vertrauen weiter auf ihre Bankenrettungs- plus ein bisserl Konjunkturpakete - und die Deflation der Asset-Preise setzt sich über Jahre fort. Am Ende einer solchen Entwicklung könnte dann jeweils ein Währungsschnitt stehen.

Wir sprechen von einer Vertrauenskrise. Aber wie soll ich wieder Vertrauen fassen, wenn mir die Zukunft dermaßen unklar ist und ich von offizieller Seite immer mit neuem Horror konfrontiert werde, wenn dieser bereits da ist? Unter Vertrauen wird die Annahme verstanden, dass Entwicklungen einen erwarteten Verlauf nehmen - das kann ich nirgends sehen.

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