"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Abgestürzt" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 24.10.2008

Wien (OTS) - Dümmer kann man einen Unternehmensverkauf wohl nicht anlegen: Erst verfügt der Eigentümer per Regierungsbeschluss, dass alle Verträge bis 28. Oktober unter Dach und Fach sein müssen. Dann stellt er auch noch Bedingungen bezüglich der Unternehmensführung und besteht auf einer Sperrminorität: Käufer und Partner sollen Geld und Know how zur Verfügung stellen, aber möglichst wenig zu reden haben. Das wären schon bei einem kerngesunden, attraktiven Unternehmen heftige Wünsche. Handelt es sich aber um einen Betrieb, der auf einem Schuldenberg von 900 Millionen Euro sitzt und heuer bei einem Umsatz von knapp mehr als zwei Milliarden Euro mit 125 Millionen Euro Verlust rechnet, sind solche Ansinnen schlicht eine Frechheit.
Genau das aber hat die Regierung gemacht, als sie am 12. August den Startschuss zur Privatisierung der AUA gegeben hat. Damals war allerdings noch nicht bekannt, wie tiefrot die Zahlen der staatlichen österreichischen Fluggesellschaft heuer ausfallen werden.
In den Konzernzentralen von Lufthansa oder Air France/KLM sitzen keine Schwachköpfe. Dort weiß man, dass die AUA ebenso wie seinerzeit die Swissair in ein paar Monaten gratis aus der Konkursmasse zu haben sein könnte. Dementsprechend sieht das "konkrete Angebot" der Lufthansa aus. Der als Eigentümervertreter zuständige ÖVP-Finanzminister Wilhelm Molterer wird schon wissen, warum er dazu nichts sagen will: "Geschenkt, aber nur bei einem zumindest teilweisen Schuldennachlass" steht angeblich drin.
Aber nicht nur Molterer macht beim Privatisierungs-Chaos eine schlechte Figur. Die SPÖ hat lange den Kopf in den Sand gesteckt und wider besseres Wissen so getan, als könnte die AUA allein überleben. Das passte zur Partei-Strategie, ja nichts zu tun, was Wählern unsympathisch sein könnte. Erst als klar wurde, dass der Widerstand gegen einen Verkauf schnurstracks in die Pleite führen dürfte, schwenkte die SPÖ um.
Über die Rolle der Staatsholding ÖIAG in dem ganzen Desaster breitet man am besten den Mantel des Schweigens. Entweder hat es ÖIAG-Alleinvorstand Peter Michaelis wirklich nicht besser gewusst oder er hat hoch - wie sich jetzt herausstellt: zu hoch - gepokert. Vielleicht hat er nur getan, was Politiker von ihm verlangt haben. Dann muss man sich allerdings fragen, wofür er seine nicht gerade schmale Gage bekommt. Für einen bloßen Briefträger ist sie jedenfalls zu hoch.
Abgestürzt und damit ablösebedürftig ist aber auch das AUA-Management selbst. Es ist zwar verständlich, dass Generaldirektor Alfred Ötsch keinen kompetenten und branchenkundigen Eigentümer will. Aber entweder ist er bis vor wenigen Monaten einer totalen Fehleinschätzung der Lage erlegen oder er hat wider besseres Wissen gehandelt. In beiden Fällen gehört er verabschiedet, und zwar rasch und ohne "goldenen Händedruck" in Form einer Millionenablöse. Jetzt ist der Sturzflug der AUA nur noch mit sehr viel Geld zu stoppen, und das wird vermutlich vom Steuerzahler kommen müssen:
Entweder in Form einer Kapitalerhöhung, die angesichts der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens wohl verloren ist; oder als Schuldennachlass bei einem Verkauf zum Nulltarif oder knapp darüber. Hätte man die AUA privatisiert, als es ihr noch besser gegangen ist, wäre uns dieses Desaster erspart geblieben.

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