Vor zehn Jahren: Delegiertenversammlung zum "Dialog für Österreich"

Einige Anliegen des kirchlichen Vorgangs wurden engagiert weitergetragen, andere blieben ungelöst - Altbischof Weber: "Liebe zur Kirche auch im Zorn" - Pastoraltheologin Polak: Statt innerkirchlicher Auseinandersetzung Dialog mit Gesellschaft suchen

Wien, 21.10.08 (KAP) Vor zehn Jahren, vom 23. bis 26. Oktober 1998, fand im Salzburger Bildungshaus St. Virgil die Delegiertenversammlung zum "Dialog für Österreich" statt. Rund 280 von den Bischöfen ernannte Delegierte aus allen Teilen Österreichs nahmen daran teil. In zwölf nach Themen geordneten Dialoggruppen wurden "Voten" zu theologischen und gesellschaftspolitischen Fragen erarbeitet.

Angesichts der innerkirchlichen Konflikte hatte die Österreichische Bischofskonferenz im Herbst 1995 beschlossen, für 1996 zu einer "Wallfahrt der Vielfalt" nach Mariazell einzuladen. Die positiven Erfahrungen einer "lagerübergreifenden" Gesprächsfähigkeit bei den Fachtagungen rund um diese Wallfahrt sowie die Wallfahrt selbst ermutigten die Bischöfe, im November 1996 einen "Dialog für Österreich" ins Auge zu fassen. Im November 1997 starteten 30 Fachtagungen zum "Dialog", der dann schließlich im Oktober 1998 in Salzburg seinen Höhepunkt fand.

Die Teilnehmer befassten sich in zwölf Gruppen mit den Themen "Gott suchen - Gott erfahren", "Die frohe Botschaft heute verkünden", "Verantwortung aus Liebe", "Anspruch und Scheitern. Schuld und Vergebung", "Kirche - unsere gemeinsame Berufung", "Berufung und Leben der Priester", "Frauen in der Kirche", "Kirche als Ortskirche und Weltkirche", "Kultur des Lebens", "Lebensraum Familie", "Sozial wirtschaften" sowie "Solidarität kennt keine Grenzen".

Zu den in den Arbeitsgruppen erstellten Vorschlägen wurden Voten abgegeben, die das Meinungsbild der Delegierten widerspiegelten. So sprach sich etwa die Mehrheit der Teilnehmer für die Einführung des Frauendiakonats oder die Priesterweihe von verheirateten bewährten Männern aus. Zugleich wurden aber weitergehende Vorstellungen wie die Zulassung von Frauen zur Priesterweihe oder die Aufhebung des Pflichtzölibats zurückgewiesen.

Die österreichischen Bischöfe setzten Projektgruppen ein, von denen einige weiterführende Ergebnisse lieferten. Die Projektgruppe "Erwachsenenkatechumenat" erarbeitete beispielsweise einen entsprechenden Leitfaden, der im Jahr 2000 herausgegeben wurde. Die Projektgruppe "Allianz für den Sonntag" vernetzte sich mit vielen Gruppierungen in Kirche und Gesellschaft zugunsten dieses Anliegens. Die in Folge gegründete "Allianz für den freien Sonntag" ist zu einem gesellschaftspolitisch starken Faktor geworden.

Das Projekt "Sozialwort" wurde mit der Einladung an die verschiedenen christlichen Kirchen in Österreich, gemeinsam daran zu arbeiten, auf eine neue Basis gestellt. Das ökumenische Sozialwort, das 2003 erschien, ist eines der ökumenischen Vorzeigeprojekte, nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa.

Aus der Projektgruppe "Jugend" entwickelte sich der "Dialog X", eine Plattform aller in der kirchlichen Jugendarbeit engagierten Gruppierungen. Daraus entstanden mehrere Projekte wie etwa die österreichweite Aktion "72 Stunden ohne Kompromiss", die auch diese Woche wieder stattfindet.

Aucb auf diözesaner Ebene gab es Bemühungen. So setzte Bischof Paul Iby mit dem "Dialog für das Burgenland" ein deutliches Zeichen.

Weber: Ganze katholische Vielfalt

In einem Beitrag für die dieswöchige Ausgabe der westösterreichischen Kirchenzeitungen schreibt der Grazer Altbischof Johann Weber über seine Erinnerungen zum "Dialog für Österreich". Weber hatte als Vorsitzender der Bischofskonferenz den "Dialog für Österreich" initiiert; auch nach seinem Rücktritt aus dieser Funktion musste er die Delegiertenversammlung in Salzburg leiten.

Immer noch sehe er die damals versammelte ganze Vielfalt des katholischen Österreich vor Augen, so Weber. Wörtlich schreibt er:
"Im Herzen bleiben mir alle, die mit Hingabe, Ernsthaftigkeit und Zuversicht dieses Geschehen vorbereitet haben. Ebenso denke ich an jene, die mit betrübter Seele später gesagt haben: 'Ich mag nicht mehr – da mittun…'".

Zu den gute Erinnerungen an Salzburg zählt Weber "die nüchterne Entschlossenheit, die Wirklichkeit des Glaubens in unserem Land anzuschauen, nicht wegreden, nicht wegfeiern zu wollen". Zugleich sei auch spürbar gewesen, dass die Liebe zur Kirche "auch im Zorn, in überstürzender Fantasie aufblühen kann, wehmütig und hoffnungsvoll zugleich". Es habe gute mitmenschliche Erfahrungen gegeben, auch wenn man sich inhaltlich nicht zustimmen konnte.

In Salzburg sei auch deutlich geworden: "Kirche ist mehr als Bischöfe und Experten. Da sind die vielen Frauen und Männer, jung und alt, vor allem auch zu ebener Erde, mit ihrer Freude und Trauer", so Altbischof Weber.

Polak: Anderen Fragen zuwenden

Angesichts einiger scheinbar nicht lösbarer innerkirchlicher Probleme plädiert die Wiener Pastoraltheologin Regina Polak für eine Kirche, die "mutig den Dialog mit dem Außen riskiert". Zehn Jahre nach dem Salzburger Dialog hätten sich die innerkirchlichen Konfliktpartner mit der Situation arrangiert, so Polak in einem Beitrag für die Wochenzeitung "Die Furche". Heiße Eisen würden immer noch vor sich hinschwelen, das Gespräch sei aber versiegt. Polak: "Jeder versucht in seinem Bereich so gut wie möglich eine verantwortungsvolle Pastoral zu realisieren. Die Beteiligten wenden sich anderen Fragen zu". Das empfehle sich aber auch, denn die Kirche dürfe sich von ihrem Selbstverständnis her nicht primär mit sich selbst beschäftigen.

Mittlerweile herrsche in Gesellschaft und Kirche weitgehend Konsens darüber, dass das Thema "Religion" wieder verstärkt Aufmerksamkeit findet. Spiritualität spiele dabei eine Schlüsselrolle. Zugleich gehe in Österreich die Epoche der Volkskirche zu Ende und die Kirche sehe sich mit der Forderung konfrontiert, zu begründen, "warum man seinen Glauben ausgerechnet christlich formatieren oder gar kirchlich leben soll". Diese Situation sei eine Chance für die Kirche, so die Wiener Pastoraltheologin. Die Kirche könne wachsen, "wenn sie sich in Evangelium, Glaube und Tradition vertieft und zugleich den Dialog mit der Gesellschaft sucht". (forts.mgl.)
K200809500
nnnn

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | KAT0005