WirtschaftsBlatt-Kommentar: In der Krise muss der Chef reden - von Alexis Johann

Zu Wissenden werden, solange Wissen noch etwas nützt

Wien (OTS) - Am Mittwoch wird Wolfgang Auer von Welsbach der
Presse erzählen, was in seiner Beteiligungsgesellschaft schiefgegangen ist. Ein Mitarbeiter soll ohne sein Wissen Wertpaiertransaktionen getätigt haben. Mehr wissen wir auch nicht. Unklar ist, ob der mutmaßliche Täter in die eigene Tasche spekuliert hat oder vermeintlich im Sinne des Unternehmens handelte. Keine Information, wie hoch der Verlust ist. Dunkel blieb bislang, was das für die Zeichner der AvW-Genussscheine bedeutet, die um ihr Geld bangen. Probleme gibt es seit Anfang Oktober, das spürten Anleger, die ihre Papiere verkaufen wollten. Vergangene Woche gab AvW bekannt, beim Polizeikommissariat Krumpendorf Anzeige gegen den Mitarbeiter erstattet zu haben. Und aus.

Die Spekulationen sind wild - sie reichen von einer Scheinkonstruktion bis zu konkreten Auszahlungsmodellen, die AvW heute präsentieren werde. Die Gerüchte werden zum Teil von einem verstörten Finanzvertrieb in Umlauf gebracht, der sich mit aufgebrachten Kunden herumschlagen muss. Das Schweigen macht die Sache noch schlimmer. Verstörte Anleger wollen jetzt nur noch aus dem Produkt raus. Das würde zum Verkauf von Beteiligungen zwingen und damit Buchverluste zu realen Verlusten machen.

Nicht viel anders agierte die Constantia Privatbank: Den Spekulationen rund um Finanzierungsprobleme der Immofinanz und Verpflichtungen der Bank - bzw. von Eigentümerin Christine de Castelbajac gegenüber Immofinanz-Großaktionär Rudolf Fries - wurde mit eisigem Schweigen begegnet. Der Immofinanz-Langzeitvorstand ging, der neue Vorstand schwieg. Bis es zu spät war: Millionen wurden aus der Bank abgezogen, bis der Liquiditätsengpass eine Auffanglösung notwendig machte - und damit das Ende einläutete.

Nicht alles, was als Finanzkrise daherkommt, ist auf diese zurückzuführen. Sie ist manchmal eben nur der Auslöser, an dem jene Unternehmen scheitern, die ihre Probleme zu lange verdeckt haben. Krisenkommunikation sieht anders aus. Sie ist offensiv. In der Krise gibt es keine Tauchstation. Das hätten wir aus dem Bawag-Prozess lernen können, haben es aber nicht. Dann kam Meinl, auch da lief alles falsch - bis zum finalen Putsch der Aktionäre. Aktiv die Krise bewältigen heißt, ständig erreichbar zu sein. Der Chef muss reden. Mitarbeiter und Vertrieb werden zu Multiplikatoren. Auch sie müssen alles wissen. Denn am Ende ist die Krise ja eine Chance. Wer in dieser Phase Vertrauen aufbauen kann, wird seine Kunden langfristig behalten. Als Kunden wünschen wir uns, zu Wissenden zu werden, solange das Wissen noch etwas nützt.

Rückfragen & Kontakt:

WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/300
http://www.wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001